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Tagebuch - Deutsche Erinnerungen
Es war einmal...

... so beginnen die meisten Märchen, die den Kindern erzählt werden. Sie sollen spannend und erlebnisreich sein, aber auch die Wirklichkeit widerspiegeln. Die Basis dazu bilden oft die Erfahrungen und Erlebnisse der Geschichten- und Märchenerzähler. Ein großes Erlebnis war für mich der Abschluss der Lehre und kurz danach die Musterung zur damaligen faschistischen Wehrmacht; die Einstufung zur Infanterie-Division nach Butzbach, Land Hessen, kam über Nacht.

Im Ausbildungsobjekt Infanteriekaserne fing für jeden Einberufenen ein anderes Leben an. Trillerpfeife und Kommandos – Aufstehen, Marsch Marsch ins Waschhaus – Frühstück und Kaffee empfangen, so ging nun der Tag los. Disziplin und Ordnung sind die Grundlage für eine Ausbildung; aber diese darf nicht mit Überheblichkeit und Schikane durchgesetzt werden.

Nach einigen Wochen Grundausbildung wurde die Infanteriegeschützkompanie nach Lyon in Frankreich verlegt; sicherlich weil eine französische Kaserne zur weiteren Ausbildung genutzt werden konnte, die zu mal eine Pferdestallung und Reitbahn hatte. Die Ausbildung als Geschützsoldat mit Geländeausbildung war zu ertragen, schlimm aber war die Reitausbildung.

Die Handhabung eines Scherenfernrohres mit Richtkreis war leicht, aber das Reiten auf einen Geschützzugpferd kostete Schweiß, Angst, Kraft und Überwindung und dazu sehr großen Ärger für den Reiter. Den Ärger bereitet nicht das Pferd, sondern der Ausbilder. Den ersten Kommandos, z.B. Aufsitzen, konnten fast alle in Ausbildung befindlichen Reiter nicht nachkommen, weil die Pferde ohne Sattel waren. Die Pferderücken waren nur mit einer losen Decke (Woila) bedeckt.

Wenn ein Anfänger mit langen Beinen doch auf das Pferd kam, fiel die Decke runter. Ich kam überhaupt nicht auf einen Pferderücken, dazu fehlten mir die langen Beine (ich bin nur 165 cm groß). Nach mehreren Versuchen griff der Ausbilder, ein Feldwebel, meinen Hosenboden und plumps saß ich auf den Pferderücken, aber ich rutschte auf der anderen Seite gleich wieder runter. Dies wurde vom Ausbilder bestraft, in dem der künftige Reiter mit dem Pferd mehrere Runden in der Reithalle springen musste.

Nach den ersten Reitstunden bzw. Springstunden in der Reithalle, bekamen die Reitpferde den Reitsattel und Steigbügel. Schließlich machte das Reiten doch Spaß. Aber vielmals wurde dies getrübt, weil der Reiter vom Ausbilder bestraft wurde. Ursache war oft, dass einige der Geschützzugpferde nicht als Reitpferde über kleine Hürden springen wollten und so die Sprünge verweigerten.

Nach einigen Monaten wurde das Ausbildungsbataillon zur weiteren Ausbildung in die Pyrenäen in ein Barackenlager am Ort Mayjuho (Nähe Dax und Bayon) verlegt. Die übliche Infanterie- und Geschützausbildung mit Wache am Tag und in der Nacht war zu ertragen, aber es wurde sehr langweilig und Hunger kam auf. Das fast tägliche Mittagsgericht bestand aus Roter Beete und Mais. Das führte dazu, dass wir uns etwas Richtiges beschaffen wollten. Beschaffen hieß damals, kaufen mit Geld bzw. tauschen mit Zigaretten.

Wenn ich sage wir – dann meine ich meinen rechten und linken Bettnachbarn in der Barackenunterkunft. In unserer wenigen Freizeit, die wir hatten, konnten wir uns außerhalb der Unterkunft, aber immer noch im Gebiet des Ausbildungslagers aufhalten. Zuerst wollten wir unsere Neugierde befriedigen und einen freistehenden französischen Bauernhof auskundschaften. Dieser Bauer hatte ein Mauleselgespann, mit dem er laufend Holz aus den umliegenden Wäldern holte. Wir kannten Pferde und Esel, aber solche Mauleselgespanne mit zwei Rädern kannten wir aus Deutschland nicht.

Als wir beim Gehöft kein Gartentor bzw. ein anderes Tor fanden, gingen wir zum Wohngebäude und wollten klingeln, aber eine Klingel gab es auch nicht. Wir klopften an die Haustür, aber darauf wurde nicht reagiert. Neben der Haustür war ein offenes schmales Fenster. Wir guckten durch in einen großen Flur. Was wir dort sahen, war für uns damals unglaublich. An der Flurdecke hingen Speckseiten und geräucherter Schweineschinken. Das Wasser lief uns im Mund zusammen. Nun stand die Frage, wie wir da drankommen. Es war keine Person zu sehen oder zu hören. Ich als Kleinster musste durchs Fenster steigen und hatte den Auftrag, einen Schinken von der Decke zu holen und diesen durchs Fenster zu reichen.

Mit einigen Anstrengungen und Herzklopfen konnte ich mit einem langen Holzstiel einen Schinken runterholen, schnell rausreichen und danach weg durchs Fenster. Nachdem wir vom Gehöft eine ganze Meile weg waren, wurde eine Rast eingelegt und Brotzeit ohne Brot gemacht. Der Schinken wurde zu dritt geteilt. Nachdem der Hunger gestillt war, hatten wir großen Durst durch den würzigen Schinken. Wir mussten ins Lager zurück. Als das Lager in Sichtweite war, sahen wir, dass die Kompanie angetreten war. Meine Kameraden versteckten sofort in einem Gebüsch ihre noch übrig gebliebenen Schinkenstücke. Dieses Risiko wollte ich nicht eingehen und versteckte meine Reste von Schinken und Speck zwischen Hose und Bauch. Dann gingen wir zum Zugführer und meldeten uns zurück.

Der Befehl hieß: antreten und abwarten. Nach geraumer Zeit kam der Kompaniechef mit einem französischen Bürger und nahm die Meldung „ Kompanie angetreten“ entgegen. Der Kompaniechef hielt eine Rede und brachte darin zum Ausdruck, dass Soldaten angeblich bei dem Franzosen einen Schinken gestohlen hätten. Wenn dies wahr wäre, sollte sich dieser melden. Es meldete sich keiner. Daraufhin wurden die Unterkünfte durchsucht. Wieder verging einige Zeit in der prallen Sonne. Mir wurde heiß.

Mir blieb nichts anderes übrig, als zum Zugführer zu gehen, mit der Bitte, austreten zu dürfen. Der Zugführer guckte auf meine Hose und brüllte laut: Sie Schweinekerl, Sie Hosenscheißer, Sie Pinkler usw. Dabei blieb es aber nicht. Es folgten die Kommandos: hinlegen, vorwärts kriechen und ähnliches. Erst nach weiteren Schimpfwörtern wurde die Schinderei beendet und ich konnte ins Gebüsch gehen. Erst nach dem Wegtreten der Kompanie konnte ich mich säubern, waschen und umziehen. Das übrig gebliebene Stück Schinken musste ich teilen, um eine neue Hose zu bekommen. Trotzdem war es noch ein guter Imbiss. Meine Freundschaft zu französischen Menschen war nicht getrübt. Für den Schinken möchte ich danken, mich gleichzeitig auch entschuldigen.



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