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Tagebuch - Deutsche Erinnerungen
Erinnerungen eines Sohnes

Geboren bin ich neun Jahre nach dem Ende des Krieges. Meine Erinnerungen beruhen auf Erzählungen meines Vaters, meiner Mutter und zum Teil meiner Oma. Die Erzählungen derer, die im Krieg waren, waren immer ganz anders, als derer, die zu Hause geblieben waren. Dies ist sicherlich auch ein Ergebnis von Propaganda, die auch heute in vielen Fällen nachzuvollziehen ist.

Mein Vater war in Russland und auch in Afrika. Die Erzählungen drehten sich weniger um die Grausamkeiten des Krieges als vielmehr um einzelne Anekdoten. Dabei ging es immer wieder darum, dass auch im Krieg ein Leben möglich war und man in Manier des braven Soldaten Schwejk allen denen ein Schnippchen geschlagen hat, die den Krieg als ihren wichtigsten Lebensunterhalt betrachteten.

Konkret weiß ich aber nur, dass mein Vater als Kradmelder das Glück hatte, nie in vorderster Front zu kämpfen. Damit ist er sicher vielen Grausamkeiten aus dem Weg gegangen.

Die Gefangenschaft verschlug ihn in die USA. Dort war er als Baumwollpflücker und in einer Wäscherei tätig. Für mich ist in seinen Erzählungen immer wichtig gewesen, dass er es auch dort als Mensch geschafft hat, aus der Rolle des „Krauts“ zu schlüpfen und Stück für Stück als Mensch, der auch Deutscher war, anerkannt zu werden.

Aus der Gefangenschaft hat er sich eine Lungentuberkulose mitgebracht. Diese beeinträchtigte sein Leben und seine Entwicklung nachhaltig, da er längere Zeit in Sanatorien zubrachte und auch in meinen persönlichen Erinnerungen nie wieder voll körperlich belastbar war. Trotzdem hat er das Glück gehabt, den Zweiten Weltkrieg zu überleben und danach noch 39 Jahre bis zu seinem Tod sein Leben gestalten zu können.

Ganz anders ist es dem Vater meiner Mutter ergangen. Als kleiner Handwerker wurde er frühzeitig Mitglied der NSDAP. Er stieg bis zum Ortsgruppenleiter auf und erlebte den Krieg als Funker in Russland. Meiner Oma berichtete er oft von den Grausamkeiten der Deutschen in Russland und seiner Angst, was denn wohl wäre, wenn die Deutschen den Krieg verlieren würden. Diese Angst verhinderte, dass er nach dem Ende des Krieges in die sowjetische Besatzungszone zurückkehrte, da er Angst vor Repressalien hatte.

Er lebte noch vier Jahre in Hessen und versank Stück für Stück in Depressionen, denn seine Familie lebte in der sowjetischen Besatzungszone. 1949 setzte er seinem Leben selber ein Ende. Meine Oma wurde enteignet und erst nach der politischen Wende erhielt meine Mutter eine kleine Entschädigung.

Mein Bild vom Krieg habe ich eigentlich nur aus den Erzählungen, vielen Büchern, aber auch einigen Filmen. Sicher hat auch der Besuch in den Konzentrationslagern Buchenwald und Ravensbrück sein Übriges hinzu getan. Für mich ist es ein Glück, in einer Zeit zu leben, in der ein großer Krieg keine Chancen hat. Ich denke, dass, egal welches Elend über die Bevölkerung herein bricht, in keiner Weise ein Krieg gerechtfertigt ist.



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