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Tagebuch - Deutsche Erinnerungen
Dr. von Ploetz erinnert sich an das Kriegsende

Dr. von Ploetz ist heute Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in MoskauAn den Krieg und sein Ende habe ich, 1940 in Schlesien geboren, Erinnerungen, die sich wahrscheinlich auch mit später Gehörtem vermischen. Die Tatsache, daß mein Vater – der von Beruf Landwirt war – einberufen wurde und nur ab und zu auf Urlaub kam, ist mir aber bewußt geworden. Ich erinnere auch das Bild der Flüchtlingszüge aus dem Osten, die an unserem Hof vorbeizogen. Oft übernachteten bei uns Hunderte von Menschen.

Im überfüllten Zug nach Hessen

Zum letzten Weihnachten in der Heimat bekam ich einen kleinen Handwagen geschenkt, vor den man einen Ziegenbock spannen konnte – welches Kindervergnügen in einer schrecklichen Zeit! Ich mußte ihn zurücklassen, als ich zusammen mit meiner drei Jahre älteren Schwester Ende Januar 1945 durch das Fenster in einen überfüllten Zug nach Westen gereicht wurde. Das war der Beginn der Flucht für meine Familie, die Mitte 1946 mit der Ankunft meiner Mutter und meiner ältesten Schwester in Hessen ihr glückliches Ende fand. Glücklich, weil alle sechs Kinder und die Eltern überlebt hatten.

Das eigentliche Kriegsende erlebte ich im Haus meines Großvaters in einer Kleinstadt in Nordhessen. Jede Nacht verbrachten wir im Keller, weil in der Gegend gekämpft wurde. Eines Morgens stand vor dem Haus ein amerikanischer Panzer, auf dem ein schwarzer Soldat saß und Kaugummi kaute. Dieses Bild hat sich mir tief eingeprägt, zumal wir Kinder und die GI’s schnell einen unbefangenen Kontakt zueinander fanden.

Nicht alle Väter kamen zurück

Die Zeit war sehr hart, auch wenn wir Kinder das weniger empfanden. Wir genossen es, mit vielen gleichaltigen Vettern und Cousinen zusammen zu sein, nachdem sich Familien der drei Brüder meines Vaters auch in Hessen eingefunden hatten. Aber in zwei Familien fehlte der Vater. Einer war in Weißrußland, der andere in der Ukraine gefallen. Der dritte, als einziger Berufsoffizier, war über England abgeschossen worden und hatte ein Bein verloren. Später wurde er der erste deutsche Verteidigungsattaché in London.

db_title=Unser großes Special zum 60. Jahrestages des Kriegsendes&linkb4[]=http://www.kriegsende.aktuell.ru/&labelb4[]=Frontberichte und Erinnerungen aus Russland und Deutschland&linkb4[]=&labelb4[]=&linkb4[]=&labelb4[]=&linkb4[]=&labelb4[]=&linkb4[]=&labelb4[]=&db_target=_self&db_align=right&db_class=red Der großen Familie meiner Mutter, die nicht weit von uns eine neue Heimat gefunden hatte, ging es ähnlich. Ein Bruder war im Osten gefallen, der andere hatte einen Arm verloren. Und eine Schwester hatte ihren Mann verloren.

Wie soll man begreifen, was nicht zu verstehen ist?

Die Niederlage, die Deutschland 1945 erlitt, war nicht nur militärischer, sondern auch politischer und moralischer Natur. Aber das wurde mir erst später bewußt. Und dann wurden bei uns zu Hause heftige Diskussionen geführt, wie in vielen deutschen Familien. Wir Kinder fragten unsere Eltern, wie sie das alles hatten zulassen können. Dabei wurde deutlich, wie sehr die Eltern selbst mit dieser Frage rangen. Mit meinem Großvater, den ich sehr verehrte, machte ich lange Spaziergänge – in Gespräche vertieft. Er war ein sehr aufrichtiger Mann, der – das erfuhr ich erst 1961 bei seiner Beerdigung – sogar Juden versteckt hatte, worauf damals Todesstrafe stand.

Dieser Prozeß, das zu begreifen, was eigentlich nicht zu verstehen ist, dauerte in Deutschland mehrere Jahrzehnte und hält teilweise bis heute an. Wer sich hiermit befaßt hat, wer die deutsche Nachkriegsliteratur gelesen hat, ist mit diesen Diskussionen und dem Generationenkonflikt vertraut. Ein schmerzhafter, aber notwendiger und letztlich heilender und versöhnender Prozeß.



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