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Tagebuch - Deutsche Erinnerungen
Heino Rohmeier: Meine Gedanken zu Stalingrad

I.
Stalingrad – der Name verbindet uns Deutsche mit viel Trauer und Schmerz. Trauer und Schmerz darüber, was wir als Deutsche unschuldigen russischen Menschen angetan haben, aber auch Schmerz über den Verlust tausender deutscher Soldaten, gefallen in einem aussichtslosen Kampf – zum sinnlosen Sterben verurteilt.


Ich, ein Kind des Westens, 1950 geboren, südlich von Hannover aufgewachsen und zur ersten Generation der jungen Demokratie unter Adenauers Prägung zählend, wusste recht wenig über Stalingrad, bevor ich 1990 erstmals hierher kam. Meine Familie hatte keine Kriegsteilnehmer in Stalingrad gehabt und selbst auch keine Gefallenen zu beklagen. Nur manchmal erzählten Väter meiner Freunde vom Krieg, denn mein Vater war bereits Anfang der fünfziger Jahre verstorben und hatte aus Gesundheitsgründen nie am Krieg teilgenommen.

Doch die meisten unserer Väter sprachen nicht all zu gern über den Krieg und das Erlebte. Oft fragte ich mich warum. Zu schlimm mussten die Erinnerungen an den Krieg gewesen sein, sicherlich war es auch Scham über das angerichtete Leid oder man wollte einfach nur – alles vergessen. Wahrscheinlich spielte auch die Schuld, einem verbrecherischen Regime gedient zu haben, eine große Rolle.

Nie ein negatives Wort über die Russen

Den ersten und eigentlich auch einzigen deutschen Stalingradteilnehmer lernte ich als junger Leutnant zu Beginn der siebziger Jahre kennen. Er war damals Technischer Offizier im gleichen Panzerbataillon wie ich. In Stalingrad war er zum Schluss als Hauptmann eingesetzt und auch dort in Gefangenschaft gegangen. Auch er sprach nicht sehr oft über seine Erlebnisse, doch wenn es einmal dazu kam, so zeichnete er nie ein negatives Bild über seine Gegenüber, sondern sprach von den soldatisch beeindruckenden Leistungen, mit denen auf beiden Seiten für das nackte Überleben gekämpft werden musste. Er sprach nie ein negatives Wort über Russen.

Als ich ihm vor ein paar Jahren einmal erzählte, dass ich jetzt in Stalingrad lebe und arbeite, und ihm von Wolgograd heute berichtete, spürte ich, dass auch er innerlich den Wunsch hatte, heute, 60 Jahre danach, noch einmal an diesen Ort zurück zu kehren. Den Wolga-Don-Kanal, die Heldenallee und die Häuser, an denen er als Gefangener mitgebaut hatte – noch einmal besuchen, die Stätten der Trauer, Mamajev Kurgan, Rossoschka noch einmal zu sehen, Leider war es ihm nicht mehr vergönnt, denn er verstarb vor etwa zwei Jahren.

II.
Ich weiß noch, wie ich erstmals Mamajev Kurgan besuchte. Es war Anfang der neunziger Jahre, mein erster Besuch in Wolgograd, und ich erinnere mich noch all zu gut, wie wir im Juli bei sengender Sonne die vielen Stufen hinaufgingen. Meine mich damals begleitenden russischen Geschäftsfreunde sprachen nicht sehr viel. Sie merkten einfühlsam, wie es mich berührte. Sie erklärten immer dann etwas, wenn ich sie fragte, wie diese Gedenkstätte aufgebaut sei und was sich die Erbauer bei diesem oder jenem gedacht hatten, was sie ausdrücken wollten. Vor dem Betreten der Ehrenhalle bekam Stalingrad für mich erstmals Gesichter.

Links des Eingangs die siegreichen Rotarmisten, die – und sicherlich auch zu Recht – stolz waren auf ihren Sieg, jedoch nicht über Deutsche – sondern über Hitlerdeutschland, über die Nazis. Sie hatten es geschafft, sie hatten durch ihren Sieg über die 6. Armee, das damals sicherlich noch nicht wissend, eine Wende in diesem Krieg eingeleitet.

Neben den Siegern auch die Besiegten

Rechts neben dem Eingang dann die Gruppe der geschlagenen Deutschen Soldaten, die, die diesen Wahnsinn überlebt hatten. Traurig, erschöpft, doch auch wohl dankbar, einfach nur überlebt zu haben. Reale Bilder in Stein gehauen. Die Kritik einiger weniger Deutscher, dass die Darstellung der deutschen Soldaten unrichtig sei und es so nicht gewesen wäre, ja sogar die Leistungen der deutschen Soldaten durch diese Darstellung entwürdigt worden sei, kann ich in keiner Weise nachvollziehen. Es zeigt einfach nur Sieger und Besiegte.

Wir betreten die Totenhalle, in deren Mitte die ewige Flamme als Mahnung brennt und vor dem junge russische Soldaten die Ehrenwache halten. An den Wänden dieses Rundbaues bekommt Stalingrad Namen, Namen von Abertausenden gefallener russischer Soldaten. Mir lief es kalt den Rücken herunter und ich weiß noch, was ich in das damals ausliegende Besucherbuch schrieb:
„Lieber Gott, lasse nie wieder zu, dass so etwas noch einmal geschieht.“

Ein Mahnmal gegen den Krieg

Wir treten hinaus und gehen nach oben, vorbei an der um ihren Sohn weinenden Mutter, vorbei an Gräbern berühmter Stalingradkämpfer, hinauf zum Fuße der großen Statue, die mächtig ihr Schwert als Mahnung gen Himmel hält, hinauf auf die Anhöhe des – ja eigentlich des größten Friedhofes der Welt, denn unter uns liegen nicht mehr zählbare russische und deutsche Soldaten, unschuldige Frauen und Kinder.

Später dann gehen wir zum Panorama-Museum, am Ufer der Wolga gelegen. Hier bekommt der Krieg sein Gesicht für mich. In eindrucksvoller Weise wird versucht darzustellen, wie es gewesen sein muss.

Auch hier bedarf es keiner großen Erklärungen meiner Begleiter, denn spätestens beim Betreten des riesigen Panorama-Bildes oben in der Spitze dieses Rundbaues sollte man begriffen haben, wie schrecklich die Schlacht um Stalingrad gewesen sein muss. Wenn man hier oben als Betrachter quasi praktisch auf dem Mamajev Hügel steht, wo versucht wurde, die Schlacht durch Bilder und Reliefs so plastisch wie möglich darzustellen, kann man nur noch schweigend betrachten und versuchen zu verstehen, was sich dort in den letzten Januartagen 1943 abgespielt haben muss.

Seit fünf Jahren, die ich nunmehr hier lebe, führe ich all meine Gäste, ob aus Deutschland oder auch aus anderen Ländern kommend, hier her. Ich habe in all den Jahren noch nicht einen erlebt, der nicht betroffen war und zum Schluss einfach nur noch schwieg.

III.
Wir sitzen am Don unweit von Kallasch, dem Ort, der Stalingrad-Kämpfern in Deutschland ein Begriff ist. Es ist Abend und über dem Feuer garen die typisch russischen Schaschliks. Brot, Tomaten, Gurken, Obst und vieles mehr, was eine Datscha im Sommer so zu bieten hat, liegt auf großen Leinentüchern. ausgebreitet.

Wir essen und trinken, unterhalten uns, lachen und machen Späße. Wir, die russische Gruppe und ich der deutsche Gast dazwischen. Mit den Fingern werden die Fleischstücke von Schwein und Hammel genüsslich verspeist. Dazu gibt es Bier, Mineralwasser, Kompott, Säfte und Wodka. Wir feiern einfach nur und genießen das Ende des Tages. Meine russischen Partner veranstalten ein kleines Biwak für mich. Obwohl ich damals, es war mein erster Besuch in Wolgograd, noch kaum ein Wort russisch verstand, fühlte ich mich nicht fremd.

50 Jahre danach schwimmen Freunde zusammen im Don

Allmählich wird es dunkel und der Leiter der Gesellschaft, Viktor, lädt mich ein, mit ihm im Don zu schwimmen. Wir springen nackt in das Wasser, denn Badezeug hatten wir nicht dabei. Ich genieße das Bad in diesem Nebenarm des Don, wo fast keine Strömung zu spüren ist. Plötzlich zeigt Viktor auf das westliche Ufer und macht „Brrrrit....“ , was so viel wie MG-Feuer bedeuten sollte, „dein Papa“ und tippt sich dabei mit dem Zeigefinger an die Stirn, was so viel wie „verrückt“ bedeuten sollte. Dann zeigt er auf das andere Ufer und sagt „brrrit – mein Papa“ und tippt sich erneut an die Schläfe. Dann zeigt er mir durch Gesten, verbunden mit ein paar von mir damals nicht verständlichen Worten, was er damit ausdrücken und mir mitteilen wollte und in etwa so viel bedeuten sollte wie und wir ---- schwimmen heute,
50 Jahre danach als Freunde im Don.

IV.
Es ist der 24. Dezember 2002 nachmittags, Heiligabend und für mich als evangelischer Christ der Beginn „meines“ Weihnachtsfestes. Ein eisiger Ostwind weht über die russische Steppe, und es ist kalt hier draußen in Rossoschka.

Hier also und so also muss Stalingrad im Winter 1942 gewesen sein. Ich bin warm angezogen, dicke Schuhe mit Felleinlagen, eine Thermohose, Pullover und eine mit Schaffell gefütterte Lederjacke. Meine Schapka aus Fuchs schützt Kopf und Ohren. Ich gehe an den Tausenden von Namen gefallender deutscher Soldaten vorbei.

Vorbei an diesem riesigen Rundbau aus Granit mit einem Durchmesser von wohl 400 m, in dem sie in einem Sammelgrab ihre letzte Ruhe fanden, beigesetzt wurden. Jeder Einzelne dort Beerdigte ist mit einem Namensschild an der großen Granitmauer vermerkt. Der Krieg bekommt für mich nun auch deutsche Namen. Jeder Name steht für ein Schicksal. Steht für einen toten Soldaten. Ab und zu lese ich den einen oder anderen Namen.

Meyer, geb.1923 – gef.1942, Schroeder geb. 1921 – gef. 1943... Namen – Namen – Namen. Erst nach einer Weile begreife ich, was ich da lese: geboren 1923 – gefallen 1942 - ... die waren ja gerade einmal 19, 20, 21 Jahre alt und ich denke an meine Zeit als Soldat in der Bundeswehr zurück, als ich gerade 20 Jahre alt war, und an meinen erst neunzehn jährigen Sohn.

Ich beginne nun auch innerlich zu frieren, und der kalte Wind durchdringt allmählich auch meine dicke, mich wärmende Kleidung. Jetzt, nach gerade einmal 30 Minuten, ist mir bereits kalt, und ganz im Stillen schäme ich mich dafür. Meine Gedanken gehen 60 Jahre zurück. Wer hatte denn von all diesen Soldaten damals die Kleidung, die ich heute trage – wer hatte einen warmen Raum und genug zu essen.

Inzwischen bin ich am russischen Teil des Friedhofes angekommen. Einzelgräber der russischen Soldaten, Reihe an Reihe. Auf vielen der Gräber befinden sich Stahlhelme, die meist von Einschüssen durchlöchert sind. Jetzt wo ich hier vor der Friedensglocke stehe, die Sonne untergeht und die Temperaturen weiter fallen, frage ich mich: wie konnten das Menschen – Russen wie Deutsche überhaupt aushalten?

Ich beginne ein wenig zu verstehen, warum die
Madonna von Stalingrad und die Worte
Licht - Leben – Liebe
auf dem Tuch für all die deutschen Soldaten Weihnachten 1942 ein Symbol der Hoffnung wurde und wenigstens für ein paar Stunden, vielleicht auch nur für Minuten, ein wenig Wärme und Hoffnung in ihre Herzen brachte.

Heino Rohmeier
Weihnachten 2004




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