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Tagebuch - Deutsche Erinnerungen
Die Tragödie vom 11. Mai 1944 vor Sewastopol - Walter Bien erinnert sich

Aufgrund meiner Freiwilligenmeldung wurde ich am 01.10.1942 im Alter von 18 Jahren zur Kriegsmarine eingezogen. Die Grundausbildung erfolgte in Rosendaal/Holland bei der 16. Schiffsstammabteilung. Hier wurde mir bei der 2. Untersuchung nach 6 Wochen dann auch mitgeteilt: "Sie fahren zur See." Eigentlich hatte ich mich zur Marine-Artillerie gemeldet; aber das Sehvermögen A ließ das nicht zu. Nach der Grundausbildung erhielt ich den Marschbefehl nach Rostock zur 28. Minensuchabteilung. In Rostock war gerade ein neues Schiff in Dienst gestellt, das aber bereits bei der Probefahrt im Nebel mit einem Kümo (Küstenmotorschiff) kollidierte. So erlebte ich außer der Rettungsaktion bei Windstärke 7 im Rettungsboot keinen weiteren Einsatz.

1943 erstmals auf der Krim

Im Anschluss hieran kam ich im Rahmen der Ausbildung zur Flakschule Misdrog und durfte zur Kenntnis nehmen, dass ich mich in der Reserve-Offizierslaufbahn befand. Ausschlaggebend hierfür war mein vorzeitig erteilter Reifevermerk des Gymnasiums. Die weitere Ausbildung auf dem Artillerieschulschiff "Hektor" in Swinemünde brachte mich im Sommer 1943 erstmals zur Krim, wo ich auf einem kleinen Begleitschiff der 31. Geleitflottille die unterhalb der Küste fahrenden Schleppzüge von Sewastopol nach Jalta begleiten durfte. (Bewaffnung: eine 2 cm-Flak).

Nach drei Monaten ging es zurück zur MLA-Eckernförde, wo die Beförderung zum Fähnrich z. See nach Abschluss des Lehrgangs erfolgte. Als nächstes erfolgte die Versetzung zur 3. R.-Flottille Konstanza/Rumänien. Wir waren damals drei Fähnriche, die sich in Wien (Arsenal) trafen und fast eine Woche warten mussten, ehe uns ein Zug in Richtung Rumänien zugeteilt wurde. Und dann die Suche nach der richtigen Flottille. In Konstanza stellte man sich dumm und leitete uns weiter nach Sofia. Dort ermittelte man zwei Tage nach dem Standort. Nachts gab es einen Bombenangriff und wir durften uns am Morgen im Hotel mit Rotwein rasieren, weil die Wasserleitung zerbombt war.

Am zweiten Tag kam die Anweisung: zurück nach Konstanza. Dort wusste man auf einmal, dass die Flottille nach Sewastopol ausgelaufen war. Wir lösten also unseren „Fahrschein zur Krim“ und gelangten per Bahn durch die Ukraine schließlich zum Standort Sewastopol und fanden auch die gesuchte Flottille. Dort gab es dann zunächst ordentlichen Zoff, weil man meinte, wir hätten den Anmarsch bewusst zur KDF-Fahrt gemacht und Wehrkraftzersetzung begangen. Das klärte sich aber bald auf, als wir den Marschbefehl mit den 30 Aufenthaltsstempeln vorwiesen.

Die 3. R.-Flottille

Da lagen nun die vier Boote, und ich wurde dem Boot R-164 zugeteilt. Kommandant war Oberleutnant Walter Spieth, Träger des Deutschen Kreuzes in Gold. Flottillenchef Kapitänleutnant Klasmann, Ritterkreuzträger seit der Vernichtung der russischen Landeinheiten bei Eltigen (1943): Alle Boote trugen am Bug den ostpreußischen Elchkopf, weil sie eigentlich nach Pillau/Ostsee gehörten. Der Tarnanstrich war einheitlich, jedoch trugen die Boote die Skat-As Farben. Gruppenleiter Oberleutnant Heufers (Kreuz-As), R-164 (Herz-As), und darauf sollte ich bald erleben, wie eisenhaltig auch die Luft im Schwarzen Meer war.

Bereits am zweiten Tage kam der Auslaufbefehl nach Feodosia und dort sollten wir die nächsten Monate verbringen. Dort angekommen, stellten wir fest: Hafen und Kaimauer in Ordnung, Stadt so zerbombt, dass kein Haus mehr stand. Was noch vorhanden war, war ein Verpflegungslager und eine Zahnarztstation. Ansonsten war es menschenleer. Wir freuten uns jedes Mal, wenn mal ein Fischkutter einlief und wir für Schnaps oder Cognac frischen Fisch ergattern konnten.

Einsatz bei minus 43 Grad

Unsere Aufgabe an diesem Standort stand fest. Abends bei Eintreten der Dämmerung Auslaufen zur Straße von Kertsch und Sicherung des dortigen Brückenkopfes gegen Landungsversuche der Russen vom Kuban aus. Die Witterungsbedingungen waren typisch für Russland. Teilweise -43° und alles an den Aufbauten – insbesondere die Reling – war von dickem Eis überzogen und musste bei Rückkehr nach Feodosia mit Axt und Beil vom Eise befreit werden. Diese Sicherungsfahrten verliefen immer gleich, unterhalb der Krimküste bis zur Seilbahn, welche die Krim mit dem Kuban verband und wo es ins Asow'sche Meer überging.

Unsere Boote, die mit einer 3,7-Kanone, einer Vierlingsflak und einer 2 cm-Flak ausgerüstet waren, wurden um diese Zeit verstärkt durch Raketenwerfer. Man hätte sagen können: "Marke Eigenbau". Vier Eckschienen zum Quadrat zusammengeschweißt und unten ein Metallboden mit Nagel, auf den der Zünder der Granate fiel, um die Granate zu starten. Das Geschoss glich in seiner Wirkung einer 10,5-Granate. Die Rakete selbst wurde als Sprenggranate, Fallschirmseilgranate oder Leuchtgranate geliefert und sollte bald zum Einsatz kommen.

Doch kein Angriff aus der Luft

Es war etwa Mitte April, als wir aus der Kertsch-Straße zurückkehrten und etwa eine halbe Stunde vor dem Ziel (Feodosia) ca. 10-15 Flugzeuge in der Morgendämmerung auftauchten und zum Angriff übergehen wollten. Da auf Befehl die Fallschirmgranaten geschossen wurden, bildete sich vor uns ein Fallschirmgürtel, an denen jeweils ein Drahtseil von ca. 100 m Länge hing. Diese Seile sollten sich in den Propellern der Maschinen verwickeln, und dann folgten die Sprenggranaten. Auf diese Taktik war man bei den Russen offensichtlich nicht eingestellt. Alle Maschinen drehten im letzten Augenblick ab, ohne die Bomben losgeworden zu sein.

Die folgenden Tage und Wochen sollten aber weit brenzliger werden. Wir sahen plötzlich deutsche Landser, die mit Gepäck am Hafen vorbeizogen. Auf unsere Frage wohin, antworteten sie: "Wir räumen das Feld und müssen alle Klamotten verbrennen". Der Rückzug von der Krim war also eingeleitet.

Der Bootsmann rettete mir das Leben

Es war etwa Ende April, als wir hinter den Bergen von Feodosia laufend Bombenangriffe vernahmen. Da hieß es, dort liegt eine Schnellboot-Flottille. Gesehen haben wir die Boote nie und was aus ihnen geworden ist, entzieht sich unserer Kenntnis. Das nächste Objekt der Angriffe sollte jedoch die 3-R.-Flottille im Hafen von Feodosia sein, und das waren wir. Am nächsten Morgen ging es dann auch zur Sache und in halbstündigen Abständen griffen ca. 20 Flugzeuge unseren Liegeplatz an und luden ihre Fracht ab. Wir feuerten zwar aus allen Rohren, hatten aber bei dem Wirrwarr keinen Erfolg.

In diesen Stunden rettete vielmehr der Bootsmann von der Vierling mir das Leben, indem er mich herunterriss und ich in die Brüstung der 3.7-Kanone knallte. Er hatte das Auslösen eines Bombers beobachtet und unsere Gefährdung erkannt. Sekunden später schlug eine dieser Splitterbomben ca. 5 m hinter mir auf der Pier ein, und der "Segen" ging über uns hinweg. Als dann um die Mittagszeit eines unserer Boote einen Volltreffer erhielt und sank, wurden die Besatzungen angewiesen, nur noch den nahe gelegenen Bunker aufzusuchen und abzuwarten.

Kriegsmaterial aus Konstanza holen

Obwohl noch einige Angriffswellen folgten, blieben die restlichen drei Boote – abgesehen von einigen Kratzern – heil und bereiteten sich auf den Rückzug in Richtung Sewastopol bei Einbruch der Dunkelheit vor. Als am Nachmittag die Angriffe aufhörten, versuchten noch einige "Lords" zum Verpflegungslager zu kommen, um dort "abzustauben". Alles, was sie von diesem Abstecher mitbrachten, waren säckeweise Zigaretten und Bahlsen-Kekse. Diese "Marschverpflegung" sollte uns in den nächsten Wochen noch zugute kommen, als es mit der Verpflegung eng wurde.

Das nächtliche Manöver in Richtung Sewastopol verlief ruhig. Wir hörten zwar die ganze Nacht die russische "Nähmaschine" (Aufklärungsflugzeug) über uns, es passierte aber nichts. Die sich ablösenden Aufklärer fanden uns immer unter der Küste wieder, denn das durch die Schiffsschraube verursachte Meeresleuchten war nicht abzustellen. Vor Sewastopol angekommen, suchten wir unser Versteck in einem der vorgelagerten Fjorde. Hier waren wir durch die hohen Bergwände wenigstens vor der russischen Artillerie geschützt, die bereits elf km vor Sewastopol lag und der russischen Armee den Zugang freischießen sollte.

Der Aufenthalt war nur kurz. Am nächsten Tag kam bereits die Rückorder nach Konstanza, um weiteres Kriegsmaterial für Sewastopol zu holen. Wie verlautete hatten sich alle Verbände auf der Krim inzwischen nach Sewastopol zurückgezogen, weil der Übergang zur Ukraine bereits versperrt war, nachdem die von General v. Manstein aufgegebene Südflanke den Russen den Weg zur Krim freigemacht hatte und damit eine Flucht nur über See von Sewastopol aus möglich war.

Man sprach von 200.000 bis 250.000 Soldaten, die in den Bergen vor und in Sewastopol lagen und warteten. Wir traten befehlsgemäß am nächsten Tag die Fahrt nach Konstanza an. Dort lag bereits ein mit schweren Geschützen voll beladener Dampfer, der also Entlastung für die eingeschlossenen Soldaten auf der Krim bringen sollte. Wir bunkerten sofort Treibstoff, nahmen Verpflegung an Bord und nahmen den Frachter ins Geleit zur Krim. Dort erreichten wir dann auch den Hafen, ließen den Frachter festmachen und zogen uns in die Seitenfjorde zurück, um weitere Order abzuwarten. Die ließ nicht lange auf sich warten.

Die Rettungsmanöver vom 9. bis 11. Mai 1944

Unser Auftrag lautete, zwei auf der Odessa-Werft gebaute, nagelneue Kriegstransporter (KT) im Schwarzen Meer anzulaufen und sie nach Sewastopol zwecks Rückführung von Truppen zu geleiten. Alles klappte wie am Schnürchen. Es muss der 9. Mai nachmittags gewesen sein, als wir die beiden Schiffe fanden und ins Geleit nahmen. Am Abend des 10. Mai erreichten wir die Einfahrt von Sewastopol. Die Kapitäne der Frachter teilten uns über Funk mit, dass sie auf Reede vor Anker gehen, um nicht in die Reichweite der russischen Artillerie zu kommen. Als sie die Anker warfen, hatte die Dämmerung bereits eingesetzt. Wir fuhren mit unseren Booten in Richtung unseres angestammten Liegeplatzes im Fjord.

In der Dunkelheit tauchten vor uns plötzlich "Kugeln" auf, die auf Minen schließen ließen. Als wir uns dann in langsamer Fahrt diesen Hunderten von Fremdkörpern näherten, stellten wir fest, dass es "Pferdehintern" waren, die aus dem Wasser ragten. Uns war klar, dass diese Pferde nach dem Motto "verbrannte Erde" von den Landsern über die Klippen gescheucht und elendig abgesoffen waren.

Unsere Weiterfahrt in Richtung Liegeplatz im Fjord erfolgte in Kiellinie und mit kleiner Fahrt. Durch die "kleine Fahrt" sollte das durch die Schrauben verursachte Meeresleuchten weitestgehend minimiert werden; aber die "Nähmaschinen" hatten uns sehr bald wieder entdeckt und warfen von Zeit zu Zeit Einzelbomben, die neben den R-Booten im Wasser detonierten und keinen Schaden anrichteten.

Während wir unseren Fjord als erste erreichten, versteckten sich die beiden anderen Boote in dahinter liegenden Felseinschnitten. Es war mittlerweile vier Uhr morgens und es begann Tag zu werden. Als wir anlegten, war noch alles ruhig; aber fünf Minuten später trauten wir unseren Augen nicht – es war wie eine Götterdämmerung und damit war der 11. Mai eingeläutet, der soviel Unglück bringen sollte.

Der 11. Mai 1944 – Kampf ums Überleben

Innerhalb weniger Minuten kam eine unübersehbare Menge von Soldaten aus ihren Erdlöchern und stürmten das Boot. Weder verhandeln noch Befehle des Kommandanten konnten etwas ändern. "Wir verlassen nur tot dieses Schiff", war der Tenor der Soldaten, und um bei der Vielzahl der anstürmenden Soldaten das Boot nicht zum Kentern zu bringen, wurden Äxte geholt und die Leinen gekappt.

Oberleutnant Spieth tat jetzt das einzig Richtige und steuerte aus dem Fjord in Richtung Reede, wo die Kriegstransporter lagen. Als wir das offene Meer erreichten, trauten wir unseren Augen nicht. Aus allen Ecken und Kanten waren Fährprähme, Ruderboote, Schlauchboote hervorgekommen und steuerten die Hilfsschiffe an. Irgendwie musste zum Zeitpunkt des Eintreffens der Dampfer also schon an Land die Nachricht verbreitet gewesen sein, dass Hilfe in Sicht war.

Während wir die Hilfsdampfer ansteuerten, lief unser Funker, Jim Ortelt, an mir vorbei und sagte nur: "Funkspruch", und bei seiner Rückkehr hörte ich nur noch: "Idioten". Ich kam schnell dahinter, was gefunkt worden warm, und diesen Funkspruch vergesse ich nie: "Drohe mit Erschießung der Schuldigen, wenn Dampfer nicht sofort unter Küste laufen – Seeko Krim." Das wäre unseres Erachtens Selbstmord gewesen, weil der Konvoi dann der Artillerie zum Abschuss freigegeben worden wäre. Ähnlich müssen sich auch die Kapitäne und Kommandanten abgestimmt haben. Es geschah jedenfalls nichts.

Schiffe mit den Namen ostgotischer Könige

Als wir unsere Soldaten ablieferten, entdeckte ich am Bug der Schiffe deren Namen: "Totila" und "Teja" war zu lesen. Geschichtliche Namen, dachte ich mir, die an vieles aus der Vorzeit erinnern. Als König der Ostgoten hatte Totila in wenigen Jahren fast ganz Italien erobert. Teja als Nachfolger von Totila war der letzte der ostgotischen Könige, der dann von den Byzantinern geschlagen wurde.

Von nun an blieben wir in Reichweite der Schiffe. Die beiden anderen Boote waren ebenfalls ausgelaufen und postierten sich dann auch um die Frachter. Das Ganze war wie eine Wagenburg, deren Innerstes unserem Schutz übergeben war, denn es war unwahrscheinlich, dass die Russen diesem Rückzug tatenlos zusehen würden. Wachen beobachteten daher das Meer nach evtl. U-Booten, andere den Luftraum nach Feindfliegern, und vom Festland kamen immer mehr Boote und Prähme, die flüchtende Soldaten brachten und wieder zurückfuhren, um ihre Kameraden nachzuholen.

30 Angriffswellen, und die Nerven liegen blank

Wir brauchten nicht lange zu warten. Etwa gegen 09:30 Uhr tauchten am Himmel ca. 40 Bomber auf, die auf uns zukamen. Sie blieben in respektvoller Höhe, als wollten sie unserer Flak ausweichen. Die R-Boote feuerten beim Anflug aus allen Rohren, und die Antwort kam prompt. Vom Himmel kam ein Bombenteppich, der vor, hinter und neben allen Schiffen und Zubringern einschlug, aber nicht traf. Es war noch wie ein Wunder, das sich jedoch bald ändern sollte. Ich schaute auf die Uhr, als dann die nächste Welle anflog. 20 Minuten waren vergangen, als es erneut Bomben hagelte, und das sollte sich, abschließend betrachtet, noch 30 Mal wiederholen.

Bei der Besatzung lagen angesichts dieser Angriffe langsam die Nerven blank. Die in Feodosia gebunkerten Zigaretten mussten her und sollten bis zum bitteren Ende nicht mehr ausgehen. 80 bis 100 Stück gingen an diesem Tag dadurch. Mittlerweile waren 20 Minuten vergangen, als am Horizont bereits der nächste Schub in Sicht war, der sich dieses Mal wohl angesichts des Flakfeuers aufteilte, so dass jetzt der Angriff auch von seitwärts erfolgte – und jetzt kamen die ersten Meldungen über Treffer an der Bordwand und Wassereinbruch, der zu dichten versucht wurde. Die ganze Zeit über wurde aber weiter Nachschub gefahren, denn jeder wollte raus aus Sewastopol.

Nachdem wir uns auf diesen Zwanzigminuten Takt einrichten mussten, wurde versucht, Luftunterstützung anzufordern, aber die blieb aus, weil sie von Rumänien aus hätte kommen müssen, und dann reichte der Sprit nicht mehr. Jetzt machte sich bemerkbar, dass es ein Fehler der Heeresgruppe Süd war, die Ukraine und Odessa aufzugeben, bevor die Krimtruppen rückgeführt waren. Auch ein Jagdgeschwader (Oberst Rudel?) war an der Küste Sewastopols kurzfristig abgezogen, denn wenige Wochen vorher gab's jeweils noch Kontakt durch die Tagesleuchtkugel, die als Erkennung beim Begegnungsverkehr abgeschossen wurde.

Totila und Teja schlagen leck

Es ging auf zwölf Uhr zu, als der Kapitän der "Totila" einen Treffer an der Bordwand und Wassereinbruch meldete. Kurze Zeit darauf kam die Nachricht: "Schiff manövrierunfähig", und nach einem weiteren Angriff: "Schiff beginnt zu sinken, halte mich mit den Papieren am Heck auf."

Auch die "Teja" hatte offensichtlich einige Löcher erhalten. Jetzt gab der Kapitän per Funkspruch bekannt: "Laufe ab, das Schiff überfüllt." Offensichtlich gab es jetzt eine Abstimmung zwischen den R-Boot Kommandanten, wonach R-164 die "Teja" begleiten sollte, während sich die beiden anderen Boote um die nicht mehr zu rettende "Totila" kümmerten, damit beim Sinken möglichst viele Hilfsschiffe zur Rettung der Soldaten bereitstanden. Wir versuchten zusammen mit der "Teja" auf volle Fahrt zu gehen und alles aus den Maschinen herauszuholen. An der Gesamtsituation änderte sich dadurch nichts.

Längst aus Sichtweite der "Totila" ging das Fiasko weiter. Alle 20 Minuten erneuter Angriff durch das russische Geschwader, wobei wir durch seitlich angreifende Bomber aufs Korn genommen wurden. Ein im Tiefflug angreifender Bomber konnte durch unsere "Tripperspritzen" (2 cm-Flak) so getroffen werden, dass er beinahe noch unsere Brücke abrasiert hätte. Er schlug 100 m von uns aufs Wasser, kippte über die Kanzel und versank.

Der „Rückzug“ ging weiter, und immer noch setzten die Russen die Verfolgungsjagd fort. Auf dem Oberdeck der Teja wimmelte es von Menschen. Wie viele mochten es noch auf den Einzeldecks sein. Nach Aussagen einiger geretteter Soldaten wurde die Truppe auf 10.000 bis 12.000 Mann geschätzt. Die gleiche Zahl soll auch die Totila an Bord gehabt haben. Mit Schrammen und Löchern im Schiffrumpf konnte sich die Teja bis ca. 15.30 Uhr auf See über Wasser halten. Unser durch Maschinengewehrfeuer durchlöchertes Boot konnte mittels Holzpflöcken notdürftig abgedichtet werden. Aber was war mit der Teja?

Es mag inzwischen 16.00 Uhr geworden sein, als beim nächsten Angriff die Teja Volltreffer und Wassereinbruch im Maschinenraum meldete. Und das war die letzte Meldung! Was dann geschah, vollzog sich in Minuten. Der Bug begann sich langsam zu senken. Die ersten Soldaten sprangen ins Wasser, langsam kam das Heck aus dem Wasser und man sah nur noch ein Menschenknäuel, das über Bord ging. Als die Teja dann mit dem Bug senkrecht im Wasser stand und das Heck steil zum Himmel ragte, sackte das Schiff in wenigen Sekunden ab und versank vor unseren Augen. Was übrig blieb, waren Tausende deutscher und rumänischer Soldaten, die ihrem Ende entgegen sahen. Unser Kommandant fuhr an diese Menschenmenge heran, und es begann der Versuch, zu retten, was zu retten war.

Die Rettung von 236 ertrinkenden Soldaten

Das Bild, was sich jetzt ergab, wird immer in meinem Gedächtnis bleiben und hat mich in den Jahren nach dem Krieg noch manche schlaflose Nacht gekostet. Wasser war in dem Menschengewühl kaum noch auszumachen. Jeder drängte den anderen weg, um an das Boot zu kommen. Viele waren bei diesem Gerangel schon unter Wasser gedrückt und ertrunken und dazwischen immer wieder die Rufe: "Mama, Mama"!! Erschwerend für die Rettung war die Kleidung und Knobelbecher, denn kaum jemand hatte sich des Mantels entledigt. Hinzu kam, dass die Kapok-Schwimmwesten bei dieser Last sich ziemlich schnell voll saugten und das Schwimmen im Wasser nicht leichter machten.

Die See war rauer geworden und das Boot schwankte. Die Schiffswulst war bei diesem Schwanken erst unter Wasser, dann wieder 1 m über Wasser. Ein Festhalten war also unmöglich. Strickleitern oder ähnliches Gerät waren nicht an Bord. Die als Hilfestellung ausgeworfenen Leinen wurden sofort von mehreren Soldaten erfasst, und diese Fracht herauszuziehen war nicht zu realisieren. Es gab für uns nur noch eines. Auf den Bauch an der Schiffskante legen, das linke Bein zum Halt hinter die Relingstange klemmen, das rechte Bein auf die Außenwulst und Hand entgegenhalten.

Aber auch das funktionierte nicht, weil jedes Mal, wenn einer gepackt war, gleich vier weitere sich an seinen Beinen festklammerten und wir Last hatten, nicht selbst über Bord zu gehen. Erst als die Besatzungsmitglieder zum Bootshaken griffen und die Klammernden zurückstießen, stellte sich ein gewisser Erfolg ein. Bei dieser Rettung, die dem Einzelnen unheimliche Kraft abverlangte, zog ich plötzlich einen splitternackten Soldaten aus dem Wasser. Wie sich später herausstellte handelte es sich um einen jungen Leutnant der Luftwaffe. "Ich sah die Aussichtslosigkeit in diesem Gewühl, da erinnerte ich mich an meine Schwimmkünste, zog mich total aus, damit sich niemand an mir festklammern konnte und erreichte so das Schiff" war sein Kommentar.

Keine Ruhe vor den Russen

Nachdem die "Teja" gesunken war, glaubten wir, vor den Russen Ruhe zu haben. Das war weit gefehlt. Mitten in der Rettungsaktion kamen sie wieder. Dieses Mal war für uns die Lage besonders prekär, denn wir konnten keine Ausweichmanöver fahren. Wir hätten sonst mit der laufenden Schiffsschraube die im Meer Treibenden verletzt. Also verblieb uns nur, durchzuhalten und zu beten.

Der Bombenregen kam herunter, schlug links und rechts und vorn und hinten zwischen den Treibenden ein und verletzte auch noch Hunderte. Es ging nicht mehr. Das Boot war inzwischen überfüllt. Auf dem Boot konnte sich kaum noch jemand bewegen. Mannschaftsräume, Maschineraum und alle Kabinen waren nicht nur belegt, sondern zugestellt. Auch am Oberdeck herrschte diese Enge.

Das war der Zeitpunkt des Abschieds von den im Wasser um ihr Leben ringenden deutschen und rumänischen Soldaten. Wir riefen ihnen zu, dass wir weiterhin versuchen, Hilfskonvois zu ordern; aber was ist das für ein Trost für diejenigen, die bereits dem Tod geweiht waren?

Als wir am nächsten Tag den Heimathafen Konstanza heil erreichten, waren alle glücklich, diesem Inferno entkommen zu sein. Wir zählten nur noch beim Verlassen des Bootes die Geretteten – und das waren immerhin 236 Seelen. Die beiden anderen Boote erreichten Konstanza am nächsten Morgen und brachten weitere Menschen mit, die aus dem Wasser gezogen waren. In der folgenden Woche waren alle Besatzungsmitglieder in Baracken untergebracht. Entlausung, Desinfektion der Klamotten und Reinigung der Boote, auf denen die Quarantäneflaggen gehisst waren, standen im Vordergrund.

Von Dänemark nach Gotenhafen

Bis Ende Juni verblieb ich noch bei der Flottille. In dieser Zeit gab es nur noch Geleite nach Varna/Bulgarien und Abholgeleite von Versorgungsschiffen, die den Bosporus passieren durften. Mein Marschbefehl lautete Kulmsee in der Nähe von Posen, wo die Offiziershauptprüfung anstand und die Beförderung zum Oberfähnrich erfolgte. Wie später verlautete, sollen die verbliebenen R-Boote bei Kriegsende in Varna versenkt worden sein, damit sie nicht in Feindeshand fielen.

Die Ausbildung bis zum Oberfähnrich verlief noch in ruhigen Bahnen. In der Woche Unterricht, samstags und sonntags zusammen mit der Zivilbevölkerung Panzergräben schippen. Am Ende des Lehrgangs wurden dann die neuen Einheiten bekannt gegeben, wo wir unseren Job fortsetzen sollten. Ich hatte Glück, zunächst einmal nach zwei Jahren Urlaub zu erhalten, und da mir als Rückkehrer von der Krim noch vier Wochen Sonderurlaub zustand, konnte ich über Weihnachten und Neujahr noch zuhause bleiben.

Das neue Kommando war die 29. Minensuchflottille in Aarhus/Dänemark. Der Wunsch, das Kriegsende an der "Schlagsahnefront" zu erleben, ging leider nicht in Erfüllung. 14 Tage lang fuhr ich mit dem Minensucher durchs Skagerrak in Richtung Norwegen, um die Truppen von dort zurückzuholen. Die großen Frachtschiffe der Hapag-Lloyd – z.B. die Sachsenwald – waren genau so beladen, wie die Kriegstransporter im Schwarzen Meer, aber sie kamen heil in Dänemark an.

Nach 14 Tagen wurde ich in die O-Messe gerufen, und mir wurde eröffnet, dass ich nach Gotenhafen versetzt sei. Aber wie dahin kommen, denn Gotenhafen war längst von den Russen umzingelt. Ich kam zunächst bis Stettin. Dort wurde ich an die Hafenkommandantur verwiesen, die jeden auslaufenden Dampfer nach dem Zielort befragte. Es dauerte wenige Stunden,bis mich eine Barkasse zu einem Handelsschiff brachte, welches Gotenhafen anlief.

Flüchtlingstransporte nach Westen

Dort hielt man mich weitere zehn Tage er Baracke fest, bis ich als Flakeinsatzleiter dem Handelsschiff RO 22 (englisches Beutestück: D. Westplain) zugeteilt wurde. Unsere Aufgabe bestand darin, die in Neufahrwasser in riesigen Lagerhallen untergebrachten Flüchtlinge nach Dänemark zu transportieren. Das war von Februar bis Mitte April 1945. Die letzte Fahrt der RO 22 ging nach Libau, um die in Kurland eingeschlossenen Truppen rauszuholen. Es war der 3. oder 4. Mai, als wir im Geleit von Zerstörern und ca. acht weiteren Schiffen den Hafen von Libau verließen.

Der Geleitzug erhielt die Begleitung von Zerstörern, damit nach der Gustlow-Panne nicht weitere Schiffe durch russische U-Boote in Gefahr gebracht wurden. Der gesamte Geleitzug musste sich nach dem langsamsten Schiff richten – und das waren wir mit RO 22. In Höhe von Memel wurde uns eröffnet, dass das Geleit mitsamt den Zerstörern sich absetzen würde und wir mit unserer Leistung von neun Meilen pro Stunde nicht mehr geschützt werden könnten.

Große Freude am 8. Mai

Wir hatten großes Glück. Wir erreichten Swinemünde, wo wir auf Reede warten mussten. Dann kam der Auslaufbefehl nach Kopenhagen. Dort liefen wir den Hafen am 8. Mai an und freuten uns mit allen Menschen, als die Kapitulation der deutschen Wehrmacht bekannt gegeben wurde.

Einige Tage später gelangte ich mit einem Transportschiff für Flüchtlinge und Soldaten in der Kieler Förde an, wurde am Ostufer abgesetzt und landete schließlich im englischen Gefangenenlager im Wald bei Eutin. Meine Entlassung erfolgte am 1. Juli 1945, weil ich angegeben hatte, Landwirt zu sein – und die wurden zur Sicherstellung der Ernährung dringend gesucht.

PS: Dieser Bericht ist nach fast 60 Jahren aus dem Gedächtnis und nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt. Die genannten Daten können um ein bis zwei Tage variieren. (Walter Bien, März 2001)




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