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Tagebuch - Deutsche Erinnerungen
Jens Siegert, Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung Moskau, erinnert sich:

Ich möchte etwas über meinen Großvater erzählen. Ich war noch nicht geboren, als der Krieg zu Ende gegangen ist, selbst meine Eltern waren noch ziemlich klein. Mein Vater war neun und meine Mutter vier Jahre alt. Ihre Erinnerungen an den Krieg beschränken sich im Wesentlichen darauf, dass die Väter nicht da waren. Da sie beide damals in einer Kleinstadt gewohnt haben, gibt es wenig Erinnerungen an Fliegeralarm oder ähnliche Geschichten. Meine Mutter hat nur erzählt, dass einmal in ihrer Siedlung eine fehlgeleitete Bombe heruntergegangen ist, die nicht einmal explodierte.

Aber nun zu meinem Großvater. Mein Großvater väterlicherseits, also der Vater meines Vaters, war lange kein Soldat im Krieg. Er war Leiter eines großen landwirtschaftlichen Gutes und als solcher nicht eingezogen worden. Erst ziemlich gegen Ende des Krieges, im Oktober 1944, ist er bei Braunschweig in Niedersachsen eingezogen worden. Er wurde dann ungefähr zwei Monate als einfacher Soldat bei Hannover ausgebildet. Zu Weihnachten 1944 kam er noch mal nach Hause, bevor er dann anschließend an die Ostfront geschickt wurde.

Das war das letzte Mal, dass seine Familie etwas von ihm gehört hatte. Danach gab es nur die Vermutung, dass er in Kriegsgefangenschaft gekommen sein soll. Anfang der 50er Jahre ist ein Kamerad aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft zurückgekommen. Er erzählte, dass mein Großvater während der Kriegsgefangenschaft in einem Lager bei Moskau 1947 gestorben sei. Daraufhin hat die Familie meines Großvaters, also meine Großmutter und ihre drei Kinder, Kriegswitwenrente bekommen. Davor gab es keine Rente, da mein Großvater noch als vermisst galt.

Lange Zeit wusste niemand so richtig, was mit ihm passiert war. Der Kamerad hat von einer Gefangenschaft in Rumänien schon im Januar 1944 erzählt. Mein Opa – nach Aussagen aller, die ihn kannten, ein sehr ziviler Mensch – hat also wohl nicht lange kämpfen müssen.

Auf dem Friedhof von Ljublino

Mein Vater hat dann in den 70er Jahren, nach dem Abschluss des Ostverträge, also auch des Moskauer Vertrags zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sowjetunion, beim Roten Kreuz eine Anfrage gestellt. Damals bekamen wir aber nur die Nachricht, dass er in Kriegsgefangenschaft gestorben sei. Erst 1994 bekam mein Vater einen Brief vom Roten Kreuz. Darin befand sich ein Lageplan von einem Friedhof in Moskau, dem Friedhof in Ljublino, auf dem sich das Grab meines Großvaters befand.

Das war der erste hergerichtete und mit Namen auf Grabsteinen versehene deutsche Kriegsgefangenenfriedhof hier in Russland. Er wurde von Jelzin und Kohl 1994 gemeinsam eröffnet und zufällig ist dort mein Großvater begraben. Ljublino ist ein normaler russischer Friedhof. Auf einem Teil des Friedhofs stehen ungefähr 300 Kreuze, jedes mit mehreren Namen, den Geburts- und den Sterbedaten von Kriegsgefangenen, übrigens den Namen nach nicht nur aus Deutschland stammender.

Protest gegen deutsche Soldatenfriedhöfe in Russland

Inzwischen gibt es etwa zehn solcher Friedhöfe hier in Russland, aber es gibt auch immer wieder Auseinandersetzungen darum. Besonders in Wolgograd, dem früheren Stalingrad, gab es sehr große Proteste dagegen. Viele Menschen dort wollten überhaupt nicht, dass dort derjenigen gedacht wird, die ihr Land überfallen und großes Leid gebracht haben. Viele waren auch empört darüber, dass der Friedhof mit den Gräbern deutscher Soldaten und Kriegsgefangener sehr viel gepflegter aussah als ein nicht weit entfernter Friedhof sowjetischer Soldaten.

Die Deutsche Krieggräberfürsorge hatte angeboten, auch den russischen Friedhof herzurichten, aber auch das war schwer erträglich für viele Menschen dort, dass die Deutschen, die sie überfallen haben, die ihr Land verwüstet, viele Millionen der hier lebenden Menschen umgebracht haben, dass diese Deutschen nun die Gräber derjenigen herrichten helfen, die sie unter großen Verlusten und Entbehrungen wieder aus ihrem Land verjagt haben. Das war sehr schwierig.

Die Heinrich-Böll-Stiftung, deren Moskauer Büro ich leite, arbeitet seit Anfang der 90er Jahre mit der Gesellschaft „Memorial“ zusammen. Durch meine dortigen Kollegen, die sich aufgrund ihrer Arbeit mit der totalitärenVergangenheit Russlands sehr gut mit Archiven auskennen, habe ich erfahren, dass ich das Recht habe, die Kriegsgefangenenakte meines Großvaters einzusehen. Ich habe einen entsprechenden Antrag gestellt und tatsächlich eine Kopie der Akte bekommen.

Die Akte scheint nicht ganz vollständig zu sein, aber es sind ein paar sehr interessante Details vorhanden. Das erste ist, dass mein Großvater laut Akte nicht im Januar in Gefangenschaft geraten ist, sondern am 9. Mai 1945, also nach russischer Version am Tag der Kapitulation. Er soll auch nicht in Rumänien gefangen genommen worden sein, sondern in Tschechien, nahe der Stadt Tabor, 100 Kilometer südlich von Prag.

Späte Einsicht in die Akte meines Großvaters

Danach ist er nach Moskau gebracht worden. Die nächsten eineinhalb Jahre sind in der Akte nicht dokumentiert. Erst mit seiner Verlegung Anfang 1947, in das Lager in Ljublino, das war damals noch ein Dorf außerhalb von Moskau, gibt es weitere Einträge. Interessant ist auch, dass mein Großvater offenbar bei den Vernehmungen falsche Angaben gemacht haben muss.

In der Kriegsgefangenenakte steht ein falsches Geburtsdatum. Er behauptete auch, nicht verheiratet zu sein und keine Kinder zu haben. Wahrscheinlich wollte er seine Angehörigen in Deutschland schützen. Er hat auch einen falschen Beruf angegeben. Er hat eine sehr viel einfachere Ausbildung angegeben als er eigentlich hatte, auch sein Abitur hat er verschwiegen. Jedenfalls steht das alles falsch in der Akte.

Er ist dann Ende April 1947 im Lagerlazarett gestorben. Die Todesursache ist in der Akte angegeben: Dystrophie 3. Grades. Das deckt die Aussage des Kameraden, dass mein Opa schlicht verhungert ist. Als der ihn das letzte Mal im Lazarett besuchte, etwa eine Woche vor seinem Tod, soll er nur noch rund 40 kg gewogen haben. Nach den Aussagen meines Vaters war mein Großvater etwa 1,80 m groß und hat 110 kg gewogen, als er das letzte Mal Weihnachten 1944 zu Hause war.

Für mich war mein Großvater immer eine wenig reale Person auf alten Schwarz-Weiß-Fotos. Und auch meine Vorstellungen von seinem Schicksal als Kriegsgefangener in der Sowjetunion blieben sehr abstrakt, bis ich seine Kriegsgefangenenakte gelesen hatte und vor seinem Grab stand. Erst dann füllten sich die Gedanken an ihn mit Bildern. Doch vor allem bleibt auch vor seinem Grab eine scheue Scham darüber, was auch meine Vorfahren Schreckliches und für mich unvorstellbar Grausames über dieses Land Russland, in dem ich nun lebe, gebracht haben.




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