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Tagebuch - Deutsche Erinnerungen
Matthes Buhbe, Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung Moskau, erinnert sich

Ich bin 1949 geboren, also vier Jahre nach Ende des Krieges und – wie sich herausstellte – zehn Kilometer entfernt von der neuen Grenze in Deutschland zwischen Ost und West. Unser kleiner Ort war zur damaligen Zeit überflutet von Flüchtlingen aus den Gebieten östlich dieser Grenze und meine Kindheitserlebnisse waren sehr stark geprägt von Begegnungen mit den Flüchtlingskindern, ihren Eltern und ihren Erzählungen. In der eigenen Familie gab es auch viele Geschichten, weil wie bei so vielen Familien in Deutschland, Jugenderinnerungen sich beispielsweise an Ostpreußen knüpften, wo man ausgebildet worden war oder an andere Städte in der damaligen DDR oder in den Gebieten östlich der DDR, wie z.B. Schlesien – ein Onkel von mir kam aus Schlesien. Er hat bei uns im Ort auch gearbeitet und hat natürlich viel zu erzählen gehabt, was er alles verloren hat.

Er war im Übrigen im Krieg Offizier gewesen. Darüber hat er allerdings nichts erzählt, außer über seine Zeit in Frankreich. Er war nämlich nicht im Osten, sondern im Westen dieses Krieges eingesetzt und hat dort im Wesentlichen als Besatzungsoffizier gelebt. Ich war überrascht festzustellen, dass er dort nicht nur als übler Besatzer lebte. Er hat die Franzosen in der Gegend nach dem Krieg oft noch besucht und es gab auch Kontakte bis zu seinem Tod. Das und wie schrecklich dieser Krieg gewütet hat, gerade im Osten, habe ich erst viel später, als ich nicht mehr ganz klein war, erfahren.

Russische Motive an den Wänden

In unserem Haus hingen viele Bilder von einem Maler. Wie sich herausstellte, war er nicht nur mein Namensgeber – mein zweiter Name ist Alfred – sondern eben auch einer derjenigen, die in Stalingrad vermisst sind. Er war ein Künstler, der mit knapp 29 Jahren bei Stalingrad verschollen war – bis heute. Er ist sicherlich dort irgendwo umgekommen.

Seine Motive, die im Haus bei uns hingen, waren sehr viele Motive aus Russland. Er war also offensichtlich bis zum Ende in Stalingrad bereits auf dem Ostfeldzug, wie es ja hieß, durch die Ukraine und durch andere Gebiete gekommen und hat einiges an Aquarellen, Zeichnungen und Kohleradierungen gemacht.

Erst in diesem Alter begann ich mich immer mehr zu fragen, was war eigentlich los in diesem Krieg. Ich erinnere meine frühe Kindheit als eine Zeit, in der man über dieses Thema schwieg. Die große Zahl von Flüchtlingen und Vertriebenen hat das Alltagsleben in meinem Heimatort sehr stark geprägt. Heute ist das viel weniger der Fall. Die Dinge haben sich eigentlich normalisiert. Viele sind dann auch weiter gezogen, an Arbeitsplätze, wo man mehr Geld verdient.

Flüchtlinge bringen Reibereien und Lebendigkeit in den Ort

Bei uns war ein sehr wichtiger Faktor, der mir erst viel später klar wurde, dass ich in einem rein protestantisch-lutherischen Ort aufgewachsen war, in dem es keine Katholiken gab. Durch die Flüchtlinge hatte sich die Zahl der Katholiken drastisch erhöht, die natürlich dann auch ihren Pfarrer hatten, an typischen hohen Tagen etwa bei einer Kranzniederlegung oder bei einer kleinen Rede vertreten sein wollten. Das gab kleine Reibereien im Ort.

Überhaupt, die anderen Menschen, die nicht aus dieser Gegend stammten, brachten sehr viel Lebendigkeit und Neues in unseren Ort. Viele von den kleinen Geschäften waren bald von den Flüchtlingen betrieben, weil die eingesessene Bevölkerung viel zu träge war, um Geschäfte zu eröffnen. Und es gab eine größere Nachfrage. Erstens, weil mehr Menschen im Dorf wohnten und zweitens, weil es nach und nach wirtschaftlich aufwärts ging. Das war ein sehr buntes und interessantes Bild.

Ich erinnere mich auch an die Menschen, die erzählten aus ihrer Heimat, aus Schlesien und Ostpreußen. Was für uns interessant war: Menschen, die nur polnisch konnten, aber ganz schlecht auf die Polen zu sprechen waren. Das war für mich ein sehr interessantes Kindheitserlebnis, dass jemand eine Sprache spricht, aber über die, die diese Sprache ja eigentlich hauptsächlich sprechen, die Polen selbst, schlecht redet.




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