Ein Projekt von: aktuell.ru, RIA Nowosti und Echo Moskaus
Tagebuch - Deutsche Erinnerungen
Frank Flemming, Berlin: Eine Episode der Menschlichkeit

Neun Jahre alt war ich, als der zweite Weltkrieg endlich zu Ende war. Meine Tante, meine Mutter und ich – Vater war 1945 in Wittenberg/Lutherstadt noch gefallen – bewohnten in Wittenberg am Stadtrand ein eingeschossiges Zweifamilienhaus. Da sich meine geschrumpfte Familie auf der Flucht vor den Russen befand (denn es wurden Gerüchte laut, dass die einmarschierenden Russen Kindern die Nasen abschneiden und sich anderweitig negativ verhalten würden) verließen wir Wittenberg in Richtung Gräfenhainchen, wo sich die Amerikaner befanden.

Durch die Teilung Berlins in vier Sektoren zogen sich die Amerikaner aus Gräfenhainchen und Umgebung zurück und die Russen übernahmen auch diese Gegend bis zur Mulde laut Militärvereinbarung. Drei Tage nach Kriegsende beschlossen wir, wieder zurück nach Wittenberg zu gehen.

Die Russen waren gar nicht schlimm

Unser Haus war zwischenzeitlich mit Soldaten des sowjetischen Militärs besetzt. Nach kurzen Verhandlungen wurde sich geeinigt, wir zogen in den ersten Stock, die Soldaten in das Erdgeschoß. Nichts geschah, keine Nasen wurden abgeschnitten, es passierte nichts Negatives, so wie am Anfang erwähnt. Es waren Propagandagerüchte vor Kriegsende.

Im Gegenteil: Zwischen meiner Person als Kind und den Russen entwickelte sich ein freundschaftliches Verhältnis. Sie teilten mit mir ihre Militärverpflegung und wir versuchten uns mit Händen und Füßen zweisprachig zu verständigen. Es war schwierig, aber möglich.

Durch das verhältnismäßig gute Essen, welches ich von den Russen bekam, wurde ich krank. Umsorgt von den Russen, fragte mich einer der Soldaten – nennen wir ihn einfach Iwan, denn der richtige Name ist mir leider nicht mehr bekannt –, ob ich ein Fahrrad hätte. Ich musste dies verneinen.

Ein Fahrrad und ein Motorrad von Iwan

Iwan verschwand aus dem Haus in Richtung Chaussee. Es dauerte ca. 20 Minuten, dann kam er zurück und brachte ein Fahrrad mit und schenkte es mir. Woher er das Rad hatte wusste ich nicht, aber ich hatte eins.

Zwei oder drei Tage später brachten mir die Russen auch noch ein Motorrad. Mit der Maschine konnte ich in meinem Alter zwar nichts anfangen, aber sie wollten mir eine Freude machen, und so hatte ich auf einmal auch ein Motorrad.

Ca. 14 Tage nach Kriegsende bekamen die Soldaten den Befehl, unser Haus zu räumen, um Offizieren der sowjetischen Armee die Räumlichkeiten zwecks Kommandanturarbeit frei zumachen. Iwan und ich waren verständlicherweise über die Trennung sehr traurig.

Zum Abschied bekam ich noch einen Verpflegungsbeutel, den die Russen immer bei sich hatten, der Brot, Speck, Rasierpinsel, Rasierseife, also das Notwendigste beinhaltete. Nach Abzug meiner Freunde lag ich noch ca. zwei bis drei Tage krank im Bett.

Nachdem die Russischen Offiziere das Erdgeschoß bezogen haben, wurde ich von einem Militärarzt, den die Militärs gerufen haben, behandelt. Auch mit der jetzigen Belegung des Hauses hatten wir ein sehr gutes Verhältnis.

Jetzt bin ich 69 Jahre alt und denke noch oft an das Menschliche zweier Nationen nach einem so schlimmen Krieg, der für alle Beteiligten nur Negatives brachte. Es bestätigt sich immer wieder: Es gibt nicht nur Schlechtes auf dieser Welt, sondern auch sehr viel Gutes, welches auch in Zukunft immer Bestand haben sollte.




Alle deutschen Erinnerungen
Kriegsende-Banner für Ihre Website

Dies ist ein Projekt von Russland-Aktuell, RIA Nowosti und Radio Echo Moskaus
Weitere Verwendung im Internet nur mit Quellenangabe und Link zu
kriegsende.aktuell.ru
© .RUFO; © RIA Nowosti