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Tagebuch - Deutsche Erinnerungen
Ewald Schneider: In russischer Gefangenschaft

Unsere Division war im Raume Kowel eingeschlossen. Die Regimenter hatten den Befehl, nach Westen durchzubrechen. Unser Divisionsstab der 26. Infanteriedivision sollte die Nachhut für die Regimenter bilden. Der Divisionsstab wurde umzingelt und dann aufgerieben. Ein Kamerad und ich waren alleine versprengt und wurden nach einigen Tagen Nachtfußmarsch Richtung Westen von russischen Soldatinnen auf Panje-Pferden reitend morgens in einem Rübenfeld entdeckt und zu einem russischen Kommando gebracht.

Dort erhielten wir jeder einen Eimer Wasser zum Trinken, darauf lag ein Brett und 4 Scheiben Brot, hochaufgefüllt mit Zucker. Das war nach einer Woche wieder die erste richtige Nahrung. Nach der Aufnahme unserer Personalien wurden wir angewiesen, ein viereckiges Loch auszugraben, von dem wir zunächst glaubten, dass das unser Grab sein würde. Wir waren nachher zu dritt, die wir graben mussten, und einer der Kameraden meinte immer wieder ängstlich, das sei nun doch unser Grab, das wir selbst aushoben.

Wir schaufelten nicht unser eigenes Grab

Der Sergeant der Sowjetarmee, der uns bewachte und den ich fragte, ob das unser Grab sein würde, sagte lachend: Nein, nein, das ist eine Splittergrube, da bauen wir ein Zelt drüber gegen „Nemski Aeroplane“. Nach drei Tagen wurden wir verlegt in das Konzentrationslager Majdanek bei Lublin.

Wir waren der achte, neunte und zehnte Kriegsgefangene, die in dieses gerade von der SS aufgelassene Lager eingeliefert wurden, wir haben dort Aufräumarbeiten gemacht. Da das Krematorium, die Verbrennungsanstalt, all die ermordeten, vergasten Leichen nicht bewältigen konnte, hatte die SS ein großes Massengrab geschaffen, das dann auch freigelegt werden musste.

Grauenhafte Bilder im KZ Majdanek

Anfang September, an einem Sonntag, mussten wir, die inzwischen sich angesammelte Schar der Gefangenen, an diesen offenen Gräbern vorbeiziehen, uns das ansehen; die polnische Bevölkerung, die zu einigen hundert auf der anderen Seite stand, drohte uns mit erhobenen Fäusten und rief: „Jetzt gehen wir nach Deutschland und machen das auch mit Euren Frauen und Kindern“! Der Anblick der Leichen in diesem Massengrab war grauenhaft, ich erinnere mich an tote Frauen, die tote Kinder in den Armen hielten.

Ende September wurden wir dann von Lublin aus mehrere Wochen nach Nishni Tagil transportiert, wo ein großes Gefangenenlager war und wo wir arbeiten mussten. Ich habe in der Stadt gearbeitet und Gräben für die Verlegung von Rohren und Kabeln ausgehoben. Man sagte uns, alle dort lebenden Menschen seien Deportierte. Es kamen jeden Morgen oder jeden zweiten Tag immer Russinnen vorbei; ein junges Mädchen, an die erinnere ich mich noch, warf uns oft eine Rübe oder einen Apfel in den Graben.

Mit Japanern im Lager in Tambow

Nach fünf Wochen wurde ich dann zurück mit vielen anderen Kameraden nach Tambow in ein dortiges Lager transportiert. Von den anderen Kameraden, die in Nishni Tagil blieben, habe ich nach meiner Rückkehr nie mehr etwas gehört. Nach Kriegsende 1945 kamen in das Lager japanische kriegsgefangene Offiziere. Diese Japaner waren sehr diszipliniert, trieben jeden Morgen Frühsport; ich wollte sie über die Lagerbedingungen, wie Essenfassen, Körperpflege etc. informieren.

Das lehnten sie aber, da ich Mannschaftsdienstgrad war, ab, sie wollten nur Ausführungen über einen deutschen Offizier vermittelt bekommen, wozu ich denn einen Oberstleutnant der Armee des Heeres hatte, der dann den Japanern, zwei von ihnen sprachen deutsch, die Lagerbedingungen vermittelte.

Deutschunterricht für junge Sowjetmenschen

Weihnachten 1944 habe ich Blut gespendet für die Lazarette in dem Lager. Ich bekam einen Venenabszess, möglicherweise durch Verunreinigungen, wurde in das Krankenlager 9 eingewiesen. Dort hatte ich das Blut gespendet und dort waren nur deutsche Ärzte, die mussten mich wieder gesund pflegen, und ich blieb dann als Feldscher in diesem Krankenlager 9.

Nachdem dann der Krieg 1945 zu Ende war, hatten wir im Lager Tambow auch immer wieder Besuch aus Moskau und zwar von jungen Sowjetmenschen. Diese wurden in auswärtigen Diensten geschult. Mit uns, an einem Tisch gegenübersitzend, trieben sie immer ein bis zwei Stunden Konversation in Deutsch, um die Sprache zu lernen. Die Sprachausbildung war für spätere Bedienstete, die dann in Deutschland oder in deutschsprachigen Ländern im Auswärtigen Dienst oder auch sonstwo Verwendung fanden.

„Sehr geehrter Herr Oberscharführer…“

Das Lager Majdanek habe ich in den 70er Jahren noch einmal besucht mit drei Mitarbeitern meiner Firma, an einem Sonntagnachmittag von Warschau aus, nachdem wir dort mit unseren Arbeiten fertig waren. Das Erschütterndste war für mich, an einem der Barackentore hinter Glas den Brief einer Hamburger Firma zu sehen, mit dem ungefähren Inhalt:

„Sehr geehrter Herr Scharführer oder Oberscharführer, in der Anlage übersenden wir Ihnen ein oder zwei Bomben. Bitte probieren Sie doch diese einmal aus und geben Sie uns das Ergebnis bekannt. “ Dieser Brief muss auch heute noch dort hängen als Zeugnis dieser ganzen Ungeheuerlichkeit, denn besagt er doch: Bringen Sie zur Probe doch einmal einige Menschen um und berichten Sie uns, wie es geklappt hat.




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