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Tagebuch - Deutsche Erinnerungen
Wodka und unendliche Weiten

Für den jungen Soldaten Heinz Kuss (heute 85) begann der 2. Weltkrieg eher entspannt: Zur Vorbereitung auf seinen Einsatz verbrachte er den August 1942 in der kleinen Stadt Taganrog am Asowschen Meer. „Ich hörte wunderschöne Chöre und sah Aufführungen im Opernhaus,“ erinnert er sich. „Es war für uns Deutsche beeindruckend“. Zur russischen Bevölkerung hätten die Soldaten freundschaftliche Beziehungen unterhalten, sagt er.



Kriegseinsatz als Reise in unbekannte Länder

Der Aufenthalt im fernen Russland war für die jungen Soldaten zu Kriegsbeginn ein wahres Erlebnis. Besonders beeindruckt war Kuss beim Kaukasusrückzug von der unendlichen Weite des Landes, das gänzlich ohne Menschen und ohne Vegetation vor ihm lag, und von den unter Wasser stehenden Wäldern der Pripjetsümpfe. Während des Einsatzes hatten die deutschen Soldaten aber trotz aller Schönheit des Landes mit den ungewohnten Witterungsbedingungen zu kämpfen. „Die Kälte hat uns arg zugesetzt. Damals begriff ich die melancholischen Weisen der Russen,“ sagt Kuss heute.

Überlaufen zum Feind

Als Kuss in einem Dorf am Terek und in vorderster Linie als Infanterist kämpfte, erlebte er, wie regelmäßig russische Soldaten zu den deutschen Truppen überliefen. Es schien sich bei den Gegenseite herumgesprochen zu haben, dass russische Gefangene beim deutschen Tross als Fahrer für die Proviantwagen eingesetzt wurden. „So lebten sie besser als wir in vorderster Linie“, bemerkt er bitter.

“Postenklau“ zu Weihnachten

Weihnachten 1942 wurde für die Einheit von Heinz Kuss zu einem einprägsamen, wenn auch leider nicht fröhlichen Erlebnis: Ausgerechnet zu diesem Datum wurde seine Kompanie von russischen Spezialisten angegriffen. „Wir nannten diesen Stoßtrupp „Postenklau““, beschreibt Kuss. „Aufgabe war es, während der Nacht einen unserer Posten im Schützengraben trotz Stacheldraht unbemerkt zu fangen und zur russischen Stellung zu bringen. Mein Posten aber hörte einen Knacks und feuerte mit dem Maschinengewehr. Es floss viel Blut. Die mutigen russischen Soldaten taten mir leid. Die überlebenden drei Gefangenen ließen mich freudestrahlend wissen, dass sie als Fahrer bei uns arbeiten wollten.“

Brot und Salz für deutsche Soldaten

Als den deutschen Soldaten am 1.1.1943 um 0°° Uhr überraschend der Rückzug aus dem Kaukasusgebiet befohlen wurde, begannen sie einen langen Fussmarsch und erreichten Ende Januar den Don. Die Bevölkerung begrüßte die Männer freundlich und empfing sie teilweise sogar mit Brot und Salz. „Frauen umarmten uns sogar,“ erzählt Kuss. „Auf den Bahnstrecken blieben viele Güterwagen stehen, in denen sich Lebensmittel und Winterbekleidung befanden. Die Kaukasier hatten das schnell entdeckt. Ein russischer General bedankte sich über eine noch liegende Telefonleitung für die überlassene Verpflegung.“

Heinz Kuss als junger Frontsoldat Schusswechsel an der Miusfront

Der zweite Einsatz in Rußland begann an der Miusfront nördlich von Taganrog und dauerte nur 10 Tage. Kuss beschreibt ein besonderes Erlebnis: „In einem Graben standen mir 3 russische Soldaten gegenüber, die sich trotz meiner mehrfachen Aufforderung nicht ergeben wollten. Wir schauten uns überrascht an. Dann schoss ich. Einer der Russen war schneller und zerschoss mit einem Explosivgeschoß meinen rechten Arm. Auf dem Verbandsplatz befanden sich zwei weitere Russen, die ich bereits gefangen genommen hatte. Als sie mich sahen, kamen sie zu mir und redeten. Ich begriff, daß sie sich bedankten, weil ich sie nicht erschossen, sondern nur gefangengenommen hatte.“

“Wir sind nun mal die Verlierer des Krieges“

Auch sein dritter Einsatz in Rußland brachte angenehme Kontakte mit der Bevölkerung: Die Stadtbewohner von Bobruijsk luden ihn sogar zum Wodkatrinken ein. Die freundliche Aufnahme der deutschen Soldaten durch die russische Bevölkerung gehört zu den schönsten Erinnerungen, die Kuss aus Kriegszeiten hat. Heute wünscht er sich eine Freundschaft zwischen Russland und Deutschland.

“Wer war Opa?“

Als Frontsoldat könne man die Kriegserlebnisse nicht abstreifen, sagt Kuss. Immer wieder denke er an Situationen und auch Fehler, die er gemacht hat, zurück. Menschen, die Naturkatastrophen erlebt haben, könnten diese Erfahrungen oft nicht vergessen. So gehe es eben auch Frontsoldaten.

Seinen Kindern gegenüber habe er selten vom Krieg erzählt. Er wisse aber, dass Kinder und Enkel sich später einmal fragen würden: „Wer war Opa?“. Deswegen sei es wichtig für die Zeitzeugen, zu erzählen. Kuss selbst hat einige Kriegserinnerungen und auch eine Ahnengeschichte für seine Enkel niedergeschrieben. (aj./rufo)



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