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Tagebuch - Deutsche Erinnerungen
Wie ich den 8. Mai 1945 erlebte - Erhard Lonscher erinnert sich

Als der Eroberungs-, Raub- und Vernichtungskrieg Hitlerdeutschlands begann, war ich 14 Jahre alt, erzogen im Geist des Antikommunismus, Rassenwahns und der chauvinistischen Verunglimpfung anderer Völker, besonders derer in der Sowjetunion als Untermenschen. Als Offiziersanwärter wurde ich mit 19 Jahren Fähnrich und Flugzeugführer in einem Schlachtgeschwader. Da selbiges noch nicht einsatzfähig war, wurden wir, etwa 500 Flugzeugführer, im Bodenkampf in die Schlacht um Berlin geworfen.

Auf dem Wege an die Front war an Hauswänden “Tod den Bolschewisten” und “Berlin bleibt deutsch, Wien wird wieder deutsch” zu lesen. Nachdem wir östlich von Berlin abgeladen worden waren, hatten uns sowjetische Truppen schon umgangen und wir liefen unter Beschuss von Tieffliegern zurück.

Als ich die Frontzeitung “Panzerbär” in die Hand bekam, las ich, dass Reichsmarschall Hermann Göring, Oberbefehlshaber der Luftwaffe und Reichsminister für Luftfahrt, den „Führer“ gebeten habe, ihn von seinen Ämtern zu entbinden, da er an einem Herzleiden erkrankt sei. Das stellte sich später als eine der Lügen des Goebbels-Ministeriums heraus, um zu verschweigen, dass sich der “zweite Mann des Reiches” nach dem Motto “Die Ratten verlassen das sinkende Schiff” zu Verhandlungen mit den Westalliierten abgesetzt hatte.

Diese Falschmeldung war für mich natürlich feige Fahnenflucht und hat mich schon darum angeekelt, weil ich vor meinem Schützenloch an einem Baum einen deutschen Soldaten aufgehängt sah, mit einem Schild auf der Brust “So sterben alle Vaterlandsverräter”. Er hatte offenbar nach Hause wollen.

Bei den folgenden Rückzugsgefechten, die Sowjettruppen waren uns buchstäblich auf den Fersen, lag ich wiederholt im Granatwerferfeuer – so ein Einschlag in Armeslänge neben meinem Schützenloch am Ufer eines Kanals bei Oranienburg – sowie im MG- und Gewehrbeschuss.

Aus dem eingeschlossenen Oranienburg bin ich nachts mit einigen anderen Soldaten durch die Frontlinie geschlichen und fand am nächsten Tag meine Einheit wieder. An der Spitze eines Trupps von etwa 10 Soldaten auf einer leeren Dorfstraße gehend hörte ich plötzlich aus einem Gehöft den Ruf: “ruki werch”.

Wir schossen sofort in die Richtung, aus der dieser Ruf kam und sahen einen Rotarmisten durch das Hoftor zum Feld hinauslaufen. Er hatte uns sicher gefangen nehmen wollen. Nachdem wir uns zurückgezogen hatten, stürmte aus dem Vorgarten eines Hauses ein Rotarmist und stand mir in kurzer Entfernung mitten auf der Strasse gegenüber. Wir schossen aufeinander, ohne uns, zum Glück, zu treffen und liefen dann beide in Deckung. Wie oft im Leben war es doch nur Zufällen zu verdanken, dass ich am Leben blieb.

Da immer noch keine der uns angekündigten deutschen “Wunderwaffen” zum Einsatz gelangten, wurde auch uns, die wir der Goebbels-Propaganda verfallen waren, klar: Jetzt war nichts mehr zu retten und wir liefen in Richtung Elbe, wo die US-Truppen an der Havelmündung bereits einen Brückenkopf errichtet hatten. Wir hatten die Hoffnung, in ihre und nicht in die gefürchtete “bolschewistische” Kriegsgefangenschaft zu geraten.

Am 2. Mai erreichten wir das Elbufer, wo US-Soldaten – ihre entblößten Arme voller erbeuteter Armbanduhren – standen und riefen: “Wer keine Waffen hat, kann durchgehen”. Obwohl wir durch Schüsse über unsere Köpfe zum Sitzen auf den nassen Elbwiesen aufgefordert wurden, drängten hier viele tausend deutsche Soldaten panikartig an die Anlegestelle eines kleinen Dampfers, der jeweils eine kleine Gruppe Gefangener an das westliche Elbufer transportierte.

Als am Abend des 2. Mai der Dampfer ausblieb, verkündete von der gegenüberliegenden Elbseite ein Lautsprecher der Amerikaner: “Alle deutschen Soldaten, die sich auf dem Ostufer der Elbe befinden, sind Kriegsgefangene unseres russischen Verbündeten”. Rat- und Hoffnungslosigkeit breiteten sich aus. Viele von uns versuchten schwimmend an das westliche Elbufer zu gelangen, ertranken aber in der Strömung.

Wie viele andere fiel ich todmüde in einer Scheune in den Schlaf, bis ich von dem Ruf “ruki werch, Gitler kaput, woina kaput” aufschreckte und in die Gewehrmündung eines Rotarmisten sah. Zum Selbst-Erschießen, was wir uns im Falle einer russischen Gefangenschaft vorgenommen hatten, war also keine Möglichkeit mehr.

Für mich, wie die meisten meiner Generation, war die scheinbar einzig mögliche aller Welten zusammengebrochen. Auf dem tagelangen Marsch von der Elbe bis zur Oder – die russischen Wachmannschaften sahen sich in den ersten Tagen außerstande, diese schier endlose Heerschlange zu verpflegen – schliefen wir nachts, auch im Regen, abseits von der Straße auf dem Acker. In einem Ort hatten wir das Glück in Hütten ehemaliger Wehrmachtshunde schlafen zu können.

In meiner Erinnerung hob sich der 8. Mai nicht von den anderen Tagen ab. Dieser Tag wurde mir später nur als Tag der Niederlage, des Zusammenbruchs, als Tag der Kapitulation bewusst. Vom „Tag der Befreiung vom Faschismus“ sprach damals in unserer Gefangenenkolonne niemand. Wir fürchteten umgelegt zu werden, bestenfalls zur Zwangsarbeit in das für uns unvorstellbare Sibirien zu kommen. Wie sollten wir denn auch in der Sowjetarmee, gegen die wir im guten Glauben für unser Vaterland gekämpft hatten, die Armee der Befreiung sehen?

Da ich in der Sowjetunion nichts zerstört haben konnte, weil ich ja sowjetischen Boden erstmals als Kriegsgefangener betreten hatte, begriff ich auch eine Wiedergutmachungspflicht erst, als wir von den duch Wehrmacht und SS angerichteten Verwüstungen des Landes hörten und sie selbst sahen.

Konfliktreich und schmerzlich begann in den belorussischen Arbeitslagern meine geistig- politische Befreiung von der faschistischen Ideologie, gefördert durch die Neugier auf die Literatur in der Lagerbibliothek und die Teilnahme an antifaschistischen Zirkeln nach der für mich schweren körperlichen Tagesarbeit, während die meisten Gefangenen dann auf der Pritsche lagen und ihre Gepräche oft nur um Kascha und Machorka kreisten oder in Erinnerungen schwelgten.

Ich habe zwar gehungert – großen Teilen der Bevölkerung des Landes erging es nicht besser – wurde aber menschlich behandelt. Ich bin nicht wie über 2 Millionen sowjetischer Kriegsgefangener in deutschen Lagern verhungert, an Krankheiten gestorben oder ermordet worden.

Das untergegangene Hitlerdeutschland begann ich zu hassen, nicht zuletzt weil es die Begeisterungsfähigkeit meiner Jugend mißbraucht hatte, denn als Flugzeugführer hatte ich mich noch zum Kamikaze-(Selbstopfer-) Einsatz gemeldet und erfuhr in der Gefangenschaft auch vom Verlust meiner schlesischen Heimat und der zwangsweisen Aussiedlung meiner Angehörigen als Ergebnis dieses verbrecherischen Krieges.

Die Ideen des Nationalkomitee “Freies Deutschland” haben mich zum Hitlergegner und später zum Antifaschisten werden lassen. Nach Aufenthalt in den Lagern Shlobin am Dnepr, Bobruisk und im Traktorenwerk Minsk wurde ich als Jungaktivist zu einem Halbjahrlehrgang der Antifa-Zentralschule für deutsche Kriegsgefangene delegiert. Dort war übrigens auch der spätere vorletzte DDR-Ministerpräsident Hans Modrow wie ich Kursant und anschließend Lehrkraft. Wir wurden im Januar 1949 beide mit dem selben Transport aus der Kriegsgefangenschaft entlassen.

Die National-Demokratische Partei Deutschlands, im Jahr zuvor gegründet, wurde meine politische Heimat in der DDR. Ich war Direktor ihrer Zentralen Parteischule und bis zum Untergang der DDR annähernd 30 Jahre Mitglied der NDPD-Parteiführung. Im Mai 1965 fand in Berlin eine Konferenz der Kommission der Historiker der DDR und der UdSSR statt, die dem Thema “Die Befreiung Deutschlands vom Hitlerfaschismus. Zum 20. Jahrestag des 8. Mai 1945” gewidmet war. Ich sprach damals zum Thema “8. Mai 1945 – Tag der Befreiung auch für Millionen Anhänger der NSDAP, Offiziere und Berufssoldaten der Hitlerarmee. Beginn ihrer ideologischen Selbstbefreiung, ihrer Wandlung zu Antifaschisten”.

1985 wurde mir vom Außerordentlichen und Bevollmächtigten Botschafter der UdSSR in der DDR die Medaille “40. Jahrestag des Sieges” verliehen.

Berlin 2004, Erhard Lonscher



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