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Tagebuch - Deutsche Erinnerungen
Überall Trümmerberge - Gertraud Beck erinnert sich

"Das war März 1945", sagt Gertraud Beck (74). "Es sah natürlich schlimm in meinem Kiez, am Anhalter Bahnhof in Berlin. Überall Trümmerberge. " Irgendwann zwischen dem 26. und dem 28. April unter der Erde führt man keinen Kalender mehr. Da stehen die ersten russischen Soldaten im Luftschutzkeller. "Sie ließen uns vor dem Haus antreten", sagt Beck. "Einem Soldaten hatten es wohl meine blonden Locken angetan. Er zog mich die Treppen zum Hochparterre hoch. "

Gertraud schreit und weint, das Wort "Schändung" spukt ihr im Kopf herum. Gehört hat sie das von Flüchtingsfrauen an der Friedrichstraße. "Aber was das genau bedeutet, wusste ich natürlich nicht. " Aber Gertraud hat Glück, vorerst: Der Soldat wird von einem Kameraden gerufen. "Er sperrte mich in die nächstbeste Wohnung. Ich bin schnurstracks aus dem Fenster geklettert, über die Trümmerberge", sagt Beck.

Aber jetzt ist ihre Familie weg. Mutter, Stiefvater und die beiden kleinen Jungs wie vom Erdboden verschluckt. "Ich bin erstmal gerannt, weg von dem Soldaten. Irgendwann traf ich eine alte Frau, die war auch allein. " Sie zieht mit ihr Richtung Cottbuser Tor. In der Adalbertstraße findet sie Unterschlupf. "Als wieder mal Russen kamen, haben die anderen Frauen sie nach oben geschickt. Junge Frau, hübsch, blond! Wieder entkommt sie nur mit knapper Not. "Ich wusste nicht mehr, wo ich hin sollte. Am liebsten wäre ich in den Kanal gesprungen. "

Schließlich, nach vier Tagen, trifft sie einen Nachbarn. Er schickt sie zur Reichenberger Straße. Beck: "Dorthin hatte sich meine Mutter geflüchtet. Sie hatte mir zwar eine Nachricht an der Hauswand hinterlassen, aber die habe ich einfach nicht gesehen. " In Neukölln findet die Familie eine leere Wohnung, ohne Soldaten. "Eigentlich sollte es nur für eine Nacht sein, daraus sind neun Jahre geworden. "

Autor: Nike Köpf

Mit freundlicher Genehmigung des Berliner Kuriers.

Quelle: „Berliner Kurier“, www.Berlin.Online.de/berliner-kurier



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