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Tagebuch - Deutsche Erinnerungen
Die Kinder sammelten Granatsplitter statt Zinnsoldaten - Waltraud Süßmilch (74) erinnert sich

April 1945, die letzte große Schlacht tobt in Berlin. Tausende haben sich in den Bunker am Anhalter Bahnhof gerettet doch dann flutet die Wehrmacht den Untergrund. Die Eingepferchten müssen durch die S-Bahn-Tunnel um ihr Leben laufen. Waltraud Süßmilch (74) war eine von ihnen. Es ist eine Zeit, in der Kinder statt Zinnsoldaten Granatsplitter sammeln und Todesgeschwader anhand ihrer Motorengeräusche in Flugzeugtypen sortieren. Es ist das Berlin des Untergangs, April 1945, die letzten Tage.


Waltraut Süßmilch, Mädchenname Weiße, ist damals in der Saarlandstraße 29 c zu Hause. "Im Volksmund hieß das Gefahrenzone 1", sagt sie. "In unserem Dreh war der Führerbunker, da war ständig Fliegeralarm. ".

Eines Tages, um den 22. April herum, trifft die Ladung das Haus der Weißes. Was bleibt, ist ein Trümmerhaufen. Süßmilch: "Auf der Straße konnten wir nicht bleiben, da flogen die Granaten. Also ging meine Mutter mit mir und meinem Bruder in den Bunker am Anhalter Bahnhof."

Das ist ein bombensicherer Betonklotz mit zwei Keller- und drei Überboden-Geschossen. Die Schutzräume sind für 3000 Menschen ausgewiesen, aber jetzt haben sich 10 000 aus der Trümmerwüste hierher gerettet. Süßmilch: "Wir bekamen ein Eck auf der Treppe zugewiesen. Vor lauter Menschen war es feucht, wie in einem Schwimmbad . . . " Das Gebäude ist Luftschutzkeller und Lazarett in einem. Immer mehr Verwundete werden hereingetragen.

Schlimmer kann es nicht mehr werden, sagt Mutter Weiße. Aber es kann, schließlich ist Krieg. In der sechsten Nacht bellen die Lautsprecher durch die stickige Bunkerluft: Volksgenossen, macht Euch bereit, den Bunker zu verlassen!

"Meine Mutter sagte mir, dass die Wand zwischen Landwehrkanal und Bahntunnel gesprengt werden sollte. Der Wassereinbruch in den Bunker stand unmittelbar bevor", sagt Waltraud Süßmilch. "Ich konnte das nicht glauben: Da waren so viele Schwerverletzte, die konnten doch gar nicht dort weg!".

Der Weg über die Straßen kommt nicht in Frage, Berlin ist inzwischen ein einziges Flammenmeer. Also lautet die Anweisung: Über die S-Bahn-Tunnel vier Stationen weit bis zum Postbunker am Nordbahnhof laufen. Unter dem Titel "Wettlauf mit dem Tod" werden Zeitungen später über den Massenexodus berichten.

Als Waltraud Süßmilch vom Bahnsteig aus den Einstieg in die Tunnelwelt vor sich sieht, bekommt sie Angst. "Aus dem Loch schwoll ein Knirschen, als würden dort Hühnerknochen zermahlen. Die Hölle, das ist die Hölle dachte ich. ".

Mit einem Mal wird es still im Tunnel: Das Wasser ist da, unter den Füßen zwischen den Steinen, es steigt und steigt. Waltraud Süßmilch und ihre Familie schafft es gerade noch rechtzeitig in den Postbunker. Viele andere sterben. Süßmilch: "Dieser Krieg hat meine Generation für immer verändert. Die Albträume werden nie verschwinden, und nicht die Angst".

Autor: Nike Köpf

Mit freundlicher Genehmigung des Berliner Kuriers.

Quelle: „Berliner Kurier“, www.Berlin.Online.de/berliner-kurier



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