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Tagebuch - Russische Erinnerungen
Dmitri Kanewski: Prüfung durch den Krieg
Meine Großmutter Jelena Moissejewna Rajsman (1912 - 2002) wurde in der Stadt Jelisawetgrad in der Ukraine geboren. Den Krieg kannte sie nicht nur vom Hörensagen. Ihre Generation wird "Kriegsgeneration" genannt. Sie musste viel erleben und ertragen: die Pogrome in Kiew, die Hungersnot der 30er Jahre, aber die schwerste Prüfung war für sie der Große Vaterländische Krieg.
Das harte Schicksal von Nikolaj Kjung
Der 23-jährige Landschullehrer Nikolaj Kjung war Anfang Juni Zugführer in der Festung Brest. Nach einem zweiwöchigen Lehrgang erhielt er den Befehl, Artilleriekursanten auszubilden. Mitte Juni wurde seiner Frau Irina vom NKWD die Genehmigung erteilt zu ihm an die Grenze ziehen zu können. Im südlichen Vorstädtchen Wolynka, einen Kilometer vom Grenzfluss Westlicher Bug entfernt, mietete er ein Zimmerchen bei einer Bäuerin. Am Westufer lag die deutsche Wehrmacht, gemäß der Geheimabkommen zwischen dem Deutschen Reich und der UdSSR vom September 1939.
Alexander Rosdin: Vier Jahre ohne Lebenszeichen
Der Krieg ereilte meinen Urgroßvater, als dieser schon 40 Jahre alt war. Er wurde, wie viele Millionen, im Juni oder Juli 1941 eingezogen. Und er geriet geradewegs an die Front. Von dort schaffte er es nur, einen Brief zu schreiben. Dann verschwand er für vier lange Jahre...
Nach dem Krieg gab er endgültig den Traum von der Dirigentenkarriere auf
Mein Vetter Rafael Iwanowitsch Jersinkjan wurde im Dezember 1923 in Tiflis geboren. Er beherrschte die deutsche Sprache gut und malte und träumte davon, Dirigent zu werden. Im Sommer 1941 beendete er die Oberschule und wurde in eine Artillerieschule aufgenommen. Einige Monate danach ging er als Leutnant an die Front.
Der Violinschlüssel
Das menschliche Gedächtnis, das mitunter Ereignisse, die erst vor kurzem geschehen sind, verdrängt, bewahrt sorgfältig die Eindrücke und Gestalten aus der Vergangenheit, die durch etwas kaum Greifbares wertvoll sind. Dieser Art sind Familiengeschichten. Wir behalten mitunter etwas im Gedächtnis, dessen Augenzeugen wir nicht gewesen sind und das wir lediglich aus den Erzählungen der Eltern und Großeltern kennen.
Juri Bondarew: Einen Tag Zeit zum Untertauchen
Schon als Junge mochte ich nicht, wie andere Kinder Soldat spielen. Und das vor allem deshalb, weil der Krieg wie eine schwarze Katze den Lebensweg meiner ganzen Familie kreuzte. Aber urteilen Sie selbst.
Der Großvater kehrte nach 43 Jahren Trennung zu seiner Frau zurück
Der Mann meiner Tante ging im September 1941 an die Front, und zwei Wochen später geriet er bei Maly Jaroslawez in Gefangenschaft. Als Gefangener wurde er in ganz Europa herumgetrieben. 1947 verschlug es ihn nach Frankreich, von dort wurden alle russischen Gefangenen über das Mittel- und das Schwarze Meer nach Odessa transportiert. Ein jeder hatte Geschenke für seine Angehörigen mit, aber in Odessa nahmen ihnen die russischen Wachen alles weg. Man ließ die ehemaligen Gefangenen in Waggons steigen, und es ging nach Kirgisien.
Ich habe mein ganzes bewusstes Leben lang nach meinem Vater gesucht
Mein Vater heißt Wartan Jakowlewitsch. Wir haben uns nur in den ersten vier Monaten meines Lebens gesehen - ich wurde im März 1941 geboren, und im Juli zog mein Vater in den Krieg. Diese Geschichte hörte ich von meinem Bruder Erik, der beinahe vierzehn Jahre lang mit Vater zusammenlebte. Vater war achtzehn, als er von Tbilissi nach Moskau ging, um an einer Offiziersschule zu studieren. In Moskau wohnte er eine Zeitlang bei seinem älteren Bruder Wanja. Mit der Offiziersschule klappte es nicht, und bald verließ mein Vater die Hauptstadt.
Mein Onkel kam am Hochzeitstag seiner Frau aus dem Krieg
Wir sind alle Träger unserer Kindheit - dieses Zitat, inzwischen beinahe ein geflügeltes Wort, charakterisiert einige unserer bereits erwachsenen Perzeptionen und Empfindungen wohl am besten. Meist empfinde ich den Krieg so, wie ich es eben in meiner Kindheit erlebte. Damals wurde diesem Thema weit mehr Beachtung geschenkt: Es bestanden Klubs von Menschen, die freiwillig nach Spuren von Verschollenen suchten; Museen entstanden, und wenn die Rede von jenen Ereignissen war, fanden sich dankbare Zuhörer. Heute sinkt die Zahl der Augenzeugen jener Ereignisse immer mehr, und nun versuchen wir, unseren Kindern zu erzählen, was wir vom Krieg gehört haben. Am häufigsten ist es ein Stück aus der Geschichte der eigenen Familie.
Seine Liebesbriefe verbrannten bei Stalingrad
Mein Onkel Mischa brachte mir seinerseit das Schießen mit dem Katapult bei - zur äußersten Missbilligung meiner Großmutter. Unsere Datschen lagen nahe beieinander, und offen gesagt, musste so manche Fensterscheibe im Zuge meines Anlernens dran glauben. Außerdem fing ich gerade mit Onkel Mischa meinen ersten Fisch (eine ganz winzige Karausche in dem Fluss neben der Datsche). Das war ein Glück! Bis heute unvergesslich. Gott sei es gedankt, Onkel Mischa ist trotz seiner vier Kriegsverletzungen lebendig und rüstig. Heute war er bei uns im Büro und brachte uns sein jüngstes Buch.
Das Buch heißt: "All die Jahre hindurch, all dem Abschied zum Trotz".
Von 300 Panzern blieben nur drei übrig
Meine Kindheit ist untrennbar verbunden mit Filmen und Büchern über Kundschafter und tapfere Soldaten, Matrosen und Flieger. Ich las viel über den Krieg, aber die Erzählungen von Veteranen unterschieden sich stark von dem, was ich gelesen und im Film gesehen hatte. Heute verstehe ich schon, dass der Krieg nicht zur Schau gestelltes Heldentum, sondern eine tägliche, stündliche aufreibende ARBEIT um des Sieges willen war.
Juri Bogomolow: Dem Krieg entweichen
Der Krieg ereilte mich in der Stadt Leningrad, als ich fünf Jahre alt war. In meinem Gedächtnis blieben Bruchstücke der Ereignisse und Umstände haften. Doch auch an einige besondere Einzelheiten erinnere ich mich. Vater kam nach Hause, setzte sich an den Tisch und begann etwas aufzuschreiben. Ich verkroch mich unter dem Tisch, denn seine Stiefel weckten meine Aufmerksamkeit. Offensichtlich erschienen sie mir seltsam, so etwa, wie ein neues Spielzeug.
Die Partisanen haben meinem Großvater den "Verrat" nicht verziehen...
Als ich Ihre Web-Seite besuchte, verstand ich zuerst gar nichts. Sie schrieben vom September 1944. Die haben sich geirrt, dachte ich, begriff jedoch später, dass gerade ich mich irrte. Deshalb beschloss ich, auch meine Geschichte einzusenden. Fotos habe ich keine, vor vier Jahren verbrannten sie bei einem Brand zusammen mit Opa und Oma. Sie sind zusammen zugrunde gegangen. In unserer Familie aber wurde überhaupt nichts aufbewahrt. Solange meine Großmutter noch am Leben war, pflegte sie zu sagen, der Krieg sei zu Ende, aber die Niedertracht nicht. Davon möchte ich Ihnen erzählen, vielleicht veröffentlichen Sie das.
Großvater Wassili machte sich ein Jahr älter und ging mit 17 freiwillig an die Front
Menschen, die im Krieg waren, sprechen nicht gern darüber. Als meine Mutter in ihrer Kindheit meinen Großvater bat, ihr etwas zu erzählen, schaute er bloß listig und kraulte seinen Schnurrbart. Er erzählte höchstens über komische Situationen, wenn er aber traurige Kriegslieder sang, standen ihm Tränen in den Augen. Als mein Großvater starb, war ich noch sehr klein, über seine Kriegsjahre erfuhr ich von meiner Mutter Jahre später etwas.
Hinterland im Krieg: Viel Arbeit, spärliches Essen, kurzer Schlaf
Mein Großvater, Grigori Nikolajewitsch Bobkow, erzählt nicht gern vom Krieg. Und das umso weniger, als der Krieg für ihn ein ganz gewöhnlicher und eintöniger Krieg war. Keine Sturmangriffe, keine erbitterten Verteidigungskämpfe, keine Siegesparaden in europäischen Hauptstädten. Nur Arbeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, spärliches Essen, kurzer Schlaf und dann wieder Arbeit...
Von der Front nicht zurückgekehrt
Ich wollte schon seit langem über meinen Vater berichten. Er hatte nur so kurz gelebt, und heute ist so wenig von ihm auf dieser Erde zurückgeblieben. Fast nichts, außer meiner Erinnerung. Vor dem Krieg hatten wir in der Ukraine gelebt, in einer Kleinstadt namens Gluchow. Meine Mutter, Esther Breigina, war Mathematiklehrerin an einer örtlichen Schule. Mein Vater, Israel Breigin, war Agronom bei einer Behörde, die sich Rayon-Abteilung für Bodenflächen nannte. Bis zum letzten Moment blieb mein Vater in der Stadt. Er bereitete die Evakuierung des Getreides und des Viehs vor.
Der Boden explodierte unter den Füßen des Großvaters
Man sagt, dass mein Großvater unter einem glücklichen Stern geboren wurde. Im Krieg war er Infanterist und träumte davon, bis nach Berlin durchzuhalten. Das gelang ihm aber nicht, denn den Weg nach Berlin versperrte ihm der Kursker Bogen. Es war eine heiße Schlacht. Für den Sieg mussten wir teuer bezahlen. Geschosse und Kugeln pfiffen vorbei, Panzer dröhnten. Menschen fielen wie vom Blitz getroffen zu Boden, aber es wurde trotzdem vorwärts gegangen.
In ihrer ganzen Kindheit träumte Mutter von der Heimkehr ihres Vaters
"Meine sehr geehrte Gemahlin Frossja, und auch Ihr, meine lieben Kinder Lida und Sina! Es grüßt Euch Euer Gemahl und Vater. Frossja, in wenigen Tagen gehen wir an die Front, wo ich mit der Waffe in der Hand meine Heimat gegen die faschistischen Okkupanten verteidigen werde..."
Zwei Schicksale in einem Krieg
Meine Mutter Valentina Schurawljowa (geborene Kalistratowa) wurde am 23. Februar 1923 geboren. Der Geburtsort war ein gewöhnliches Dorf Selo-Gora (Gebiet Nowgorod), das für die Jugend absolut aussichtslos war und deshalb Leningrad mit Arbeitskräften versorgte. So kam auch Valentina nach der Sieben-Klassen-Schule zu ihren Verwandten nach Leningrad, um weiter zu lernen und zu arbeiten. Ich weiß nicht, welche Fachschule sie beendete, auf jeden Fall war sie 1941 eine gelernte Dampfleitungsarbeiterin.
Natalja Kusnezowa: Wie meine Mutter einer Reiterabteilung den Weg wies
Meine Mutter, Sinaida Demidowna Nasarowa, lebte während des Krieges bei ihren Eltern im Gebiet Tula. In der Familie gab es sieben Kinder: Nikolai, Alexander (geb. 1923), Anna, Pjotr, Sinaida (geb. 1929), Nadeschda (geb. 1939) und Michail (geb. 1941). Der älteste Sohn, Nikolai Demidowitsch, beendete vor dem Krieg die militärische Artilleriefachschule, machte den ganzen Krieg mit und wurde mehrmals ausgezeichnet; gegenwärtig lebt er in Cherson (Ukraine).
Meine Mutter wurde im Oktober 1941 geboren. Der Großvater sah sie nur einmal
Viktor Andrejewitsch Kosnikow, der Vater meiner Mutter, fiel ganz am Anfang des Jahres 1942 bei Smolensk. Er war technischer Spezialist und beim Flugplatzwartungsdienst beschäftigt. Als man alle unter die Panzer warf, um Löcher zu stopfen, wurde auch er zur Infanterie einberufen. Meine Großmutter blieb mit meiner Mutter, die im Oktober 1941 geboren worden war, in Moskau. Sie war ihr erstes langersehntes Kind. Mein Großvater sah es nur einmal.
Großvater entging dem Tod 17 Mal, konnte sich aber der Liebe nicht erwehren
Die Sicht "meines Krieges" und "meines Sieges" bildete sich wie bei den meisten in den 1970er Jahren geborenen Kindern anhand von Büchern, Kriegsfilmen oder Kriegsspielen heraus, bei denen niemand ein Faschist oder eine Krankenschwester, sondern sofort ein roter Kommandeur werden wollte. Zu dieser Sicht trugen auch regelmäßige Treffen mit Veteranen, Papierblumen zum Tag des Sieges am 9. Mai und Erzählungen meines Großvaters bei. Mein Großvater war ein guter Erzähler und konnte mit künstlerischen Tricks die düstere und grausame Seite des Krieges etwas vertuschen. Ich hörte ihm zu, ohne daran zu denken, dass Opas Helden lebendig waren:
Militärzüge fahren gen Osten
Ich habe meinen Großvater nie gesehen. Ich weiß nur, dass er im Sommer 1941 an die Front gegangen war, weiß aber nicht, wann er ums Leben kam und wo er beigesetzt ist. Eben deshalb habe ich es in der Schule nie gemocht, einen Aufsatz zum Thema "Mein Großvater" zu schreiben. Auf meine Fragen hin nannte Großmutter immer wieder verschiedene Städte und verschiedene Todestage. Manchmal erzählte sie, dass sie 1943 eine Benachrichtigung über seinen Tod erhalten hatte. Manchmal zeigte sie mir ein schmuddeliges Papierstück und sagte, das sei eine Vermissten-Benachrichtigung. Aber niemals durfte ich dieses Papierstück in die Hand nehmen.
Mit zunehmendem Alter gab es in den Erzählungen von Großvater immer weniger Prahlerei
Meine geliebte Dussitschka, es drängt mich, Dir eine Freude zu bereiten, und Dir aus Anlass des Tages des endgültigen Sieges über das faschistische Deutschland zu gratulieren. Es war uns das große Glück vergönnt, liebste Dussitschka, den schweren und gefährlichen Weg des Krieges zurückzulegen, mit der Waffe in der Hand den Tag des endgültigen Sieges zu erleben, lebend diese frohe, lang ersehnte Stunde zu begehen, aus voller Soldatenbrust tief Luft holend.
Kindheit in der Diversionsabteilung
Mein Großvater, Michail Semjonowitsch Judelson, erzählte nicht gerne, was er im Krieg erlebt hatte. Die Verwandten erzählten sich zwar ein paar Episoden, aber das war fast nichts. Einmal, als ich 13 Jahre alt war, versammelten sich alle am 9. Mai am festlich gedeckten Tisch. Der Großvater blickte etwas seltsam auf mich und sagte: "Mischutka, als ich so alt war wie du jetzt, habe ich den Tod gesehen und selber getötet". und ging aus dem Zimmer. An diesem Abend erzählten mir meine Eltern diese Geschichte.
Nach dem Ende der Blockade und dann des Krieges, glaubten die Schwestern nicht an den Sieg. Sie hungerten wie gewohnt.
Nach dem Tod von Tante Tosja im Jahre 1988 endete für uns der Krieg. Tante Tosja, die leibliche Schwester meiner Großmutter, war am 9. März 1923 geboren worden. Aber nach dem Sieg beging sie ihren Geburtstag ständig am 9. Mai. Dieser Feiertag prägte sich mir durch die obligatorischen Lieder aus der Kriegszeit in der Interpretation Ljudmila Gurtschenkos und die Besuche auf dem Piskarjowskoje-Friedhof ins Gedächtnis ein.
Roman Malyschew: Mein Großvater diente in Stalins Wachmannschaft
Ich möchte von meinen Großvätern erzählen. Der Großvater väterlicherseits, Prokopij Kusmitsch Malyschew, machte den ganzen Krieg als Militärfahrer mit. Zuerst fuhr er einen 1,5-Tonnen-Laster. Zu Kriegsbeginn geriet sein Truppenteil in einen Kessel, dort kam Großvater unter Beschuss und bekam eine Quetschung. Er verzichtete jedoch auf die Behandlung in einem Lazarett und wurde als Fahrer dem Stab von Armeegeneral Bersarin beigegeben. Als er einmal einen Stabsoffizier und einen Adjutanten fuhr, drangen deutsche Panzer in das Dorf ein, in dem sie sich befanden. Nur dank meinem Großvater konnten sie der Gefahr entgehen und am Leben bleiben.
Anna Draj-Pratschowa: Mein einfacher Sieg
Mein Vater, Jakow Pratschow, wurde am 1. Mai 1943 vom Rayonkriegskommissariat von Kriworoschje in die Pionierdivision der 40. Armee der Woronescher Front, in den Truppenteil 12158 der Einsatzarmee einberufen. Kommandeur des Truppenteils war der Chef des Pionierwesens Major Putjana. "Vater, erzähle mir über den Krieg", bitte ich.
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