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Tagebuch - Russische Erinnerungen
Von der Front nicht zurückgekehrt

Ich wollte schon seit langem über meinen Vater berichten. Er hatte nur so kurz gelebt, und heute ist so wenig von ihm auf dieser Erde zurückgeblieben. Fast nichts, außer meiner Erinnerung. Vor dem Krieg hatten wir in der Ukraine gelebt, in einer Kleinstadt namens Gluchow. Meine Mutter, Esther Breigina, war Mathematiklehrerin an einer örtlichen Schule. Mein Vater, Israel Breigin, war Agronom bei einer Behörde, die sich Rayon-Abteilung für Bodenflächen nannte. Bis zum letzten Moment blieb mein Vater in der Stadt. Er bereitete die Evakuierung des Getreides und des Viehs vor.

Als die Front ganz nahe war, kam er mit einem Pferdewagen nach Hause. Mein Großvater machte daraus eine Art Zigeuner-Planewagen. Wir verstauten dort unsere Habseligkeiten und Essen. Danach fuhr unsere Familie – Mutter, Oma, Opa und ich mit meiner dreijährigen Schwester Sonja – weg vom Krieg. Alle außer meinem Vater. Er verabschiedete sich von uns und ging an die Front.

Das Arbeitsbuch meines Vaters ist erhalten geblieben. Die letzte Eintragung stammt vom August 1941: „Entlassen wegen Mobilmachung zur aktiven Truppe“. Auch sein Ausweis ist erhalten geblieben. Er ist noch wie neu, anderthalb Monate vor seinem Weggang zur Front ausgestellt. Der Ausweis war bis Juni 1946 gültig und hat seinen Besitzer um einige Jahrzehnte überlebt.

Viele Jahre später, nachdem meine Mutter gestorben war, fand ich unter ihren Papieren Vaters Frontbriefe. Einer davon war an die Verwandte gerichtet, bei der wir nach der Evakuierung gewohnt hatten. Aus diesem Brief erfuhr ich von unserer Reise. Mein Vater schrieb, er wisse nicht, was mit Esther und den Kindern passiert sei. Sie seien doch mit einem Pferdewagen weggefahren. Weder Esther noch ihr Vater konnten mit Pferden umgehen. Drei Monate nach dem Abschied wusste mein Vater nichts über unser Schicksal. Waren wir am Leben? Waren wir in Bombenangriffe geraten oder waren wir vor Winterskälte unterwegs gestorben?

Wir starben nicht. Wir gerieten auch in keinen Bombenhagel und wir lernten es, mit Pferden umzugehen. Bei der Station Stschigry übergab mein Großvater unsere Pferde irgend einem Offizier. Dafür durften wir mit einem Güterzug weiterfahren. Wir fuhren in hohen Waggons ohne Dach, in denen bis heute Schüttgut transportiert wird. Damals waren sie mit Weizen voll beladen und mit Planen bedeckt.

Ich dachte, vielleicht ist das ausgerechnet der Weizen, den mein Vater abgefertigt hatte. Wir krochen unter die Plane, vergruben uns ins Getreide und fühlten uns wohl und geborgen. Wir konnten Weizenkörner kauen, als wir Hunger hatten. Am Ende unserer Reise, als der Ural uns im Spätherbst mit Frost erschreckte, rettete uns der warme Weizen vor der Kälte.

Wir stiegen in Magnitogorsk aus und bekamen ein Zimmer in einer Baracke zugeteilt. Das wurde uns allerdings nicht sofort genehmigt, sondern, wie ich viele Jahre später erfuhr, erst nach einem harten Brief, den der Regimentskommandeur meines Vaters an das Militärkommissariat Magnitogorsk gerichtet hatte.

Die nach Magnitogorsk evakuierte Frau von Unterleutnant Israel Breigin habe keine Wohnung und lebe mit zwei Kindern in einem feuchten und kalten Zimmer in einem Privathaus, hieß es in dem Brief. Ihr Sohn leide an Scharlach und dürfe aus dem Krankenhaus nicht in dieses kalte Zimmer abgeholt werden. Unterdessen gebe es in der Stadt die Möglichkeit, der Familie Breigin eine staatliche Wohnung zu geben. Leutnant Breigin diene im Regiment seit September 1941 und habe sich als disziplinierter, tapferer und initiativreicher Kommandeur bewährt.

Wir bekamen ein Zimmer in einer Baracke in der Schossejnaja Straße, direkt an der Mauer des berühmten Hüttenkombinats, das kurz nach der Revolution gebaut worden war. Uns Kindern gefiel das: Von der Front wurde verschiedener Kriegsschrott zum Kombinat gebracht. Man konnte ein fast intaktes Gewehr, ein flaches deutsches Bajonett, einen durchschossenen Helm oder sogar eine Pistole finden. All das war ausgezeichnet zum Spielen geeignet. Wir spielten immer ein und dasselbe Spiel namens Krieg.

Im nächsten Jahr ging ich in die Schule. Dort gefiel es mir sofort. In der ersten Klasse hatten wir bereits Militärunterricht. Uns wurde beigebracht, woraus ein Gewehr besteht. Bis heute weiß ich auswendig, wie die Teile des Gewehrschlosses heißen. Auch den Aufbau einer Handgranate haben wir gelernt, und zwar einer solchen, die einer Flasche mit einem Holzgriff ähnelte.

Am besten gefiel mir an der Schule jedoch, dass wie etwas zu Essen bekamen. In der großen Pause kamen wie in die Kantine und bekamen dort Suppe mit einem Stück Brot, dünnen Brei und ein geheimnisvolles Getränk aus Sojamehl mit Sacharin. Das nannte man „Soufflé“.

Einige Kinder bekamen außerdem Bezugsscheine für die Stadtkantine. Sie standen denjenigen zu, deren Väter an der Front gefallen waren. Bald hatte auch ich dieses traurige Recht. Kurz vor Schuljahrsende kam die Nachricht über den Tod meines Vaters. Er war bereits im Februar gefallen, der Brief war aber sehr lange unterwegs gewesen.

Kurz vor dem Krieg hatte mein Vater an einer militärischen Übung in einer Artillerieeinheit teilgenommen und den Dienstgrad eines Unterleutnants erhalten. Im Herbst 1941 wurde sein Regiment in eine Ortschaft bei Charkow versetzt. Im Winter kam es dort zu erbitterten Kämpfen. Seinen letzten Kampf hatte Leutnant Breigin, der eine Artilleriebatterie kommandierte, im Dorf Alexejewka direkt bei Charkow. Mein Vater wurde nicht berühmt und erwarb auch keine Orden und Medaillen. Er war einfach einer von Millionen Kriegssoldaten.

Bevor ich in die Armee einberufen wurde, fuhr ich nach Charkow und versuchte, das Grab meines Vaters zu finden. Ich fand es nicht. Inzwischen liegt Alexejewka innerhalb der Stadt. Wo einst Kämpfe stattfanden, stehen nun Plattenbauten. Auf dem Boden fehlt jede Spur von Kriegsgräbern.

Einen Monat vor seinem letzten Kampf war mein Vater dreißig geworden.

An den ersten Tag des Friedens kann ich mich erstaunlich gut erinnern. Der allererste Tag. Jahre später erschienen Lieder über die „Feier mit Tränen in den Augen“. Am 9. Mai 1945 sah ich diese Tränen. Damals waren wir vom Evakuierungsort bereits zurückgekehrt und lebten in Taganrog.

Blühender Flieder füllte Höfe und Vorgärten, die Straßen wurden von einem richtigen Menschenmeer überflutet. Direkt auf der Straße wurden Tische gedeckt, jede Hausfrau brachte alles, was sie hatte. Ich erinnere mich an eine ältere Frau mit einer Riesenflasche Hausbranntwein. Sie schenkte jedem ein Glas ein und bat weinend, ihres Mannes oder ihres Sohnes zu gedenken. Über den Dächern ertönte Glockengeläut. In einer kleinen Kirche wurde ein Dankgebet abgehalten.

Ein Invalide ohne Beine rollte auf einem Holzbrett, das anstatt der Räder mit Kugellagern versehen war, zwischen den Tischen herum. Er hatte ein Glas auf den Knien. Bei jedem Toast streckte er den Arm nach dem Tisch aus, trank und weinte lautlos und mit starrem Gesicht. Männer hoben ihn auf und setzten auf einen Hocker. Er aß mit dem selben starren Gesicht und seine Medaillen rasselten leise.

Ich wundere mich bis heute, wie leicht sich diese Bilder wachrufen lassen, als ob ich mir einen Farbfilm ansehe. Wahrscheinlich ist das darauf zurückzuführen, dass es keinen anderen Tag in meinem Leben gab, wo ein Krieg zu Ende war.

Es stellte sich aber heraus, dass der große Krieg seine Opfer wie eine Zeitbombe einholen kann. Meine Mutter wurde 1949 eingeholt. Das war wohl die Rechnung für alles zusammen: Kälte, Hunger, Kriegssorgen, die Nachricht über Vaters Tod.

An einem Morgen sahen Sonja und ich, dass unsere Mutter bewusstlos daliegt. Ein Krankenwagen kam, unsere Nachbarn waren da. Der Arzt sagte, das sei eine Gehirnblutung.

Die Mutter hat überlebt, sie war aber gelähmt und konnte nicht sprechen. Sie war erst 35. Eine schöne Brünette mit Samtaugen und zarten Gesichtszügen sieht mich von Bildern an. Sie sah immer jünger aus als sie war und erschien neben den Nachkriegs-Schülerinnen, die das Leben zu früh erwachsen machte, als deren Altersgenossin. Im ersten Jahr ihrer Krankheit wurde sie aber um ein Leben älter. So musste sie nun bis zu ihrem Tod leben.

Nach einem Jahr konnte sie zwar wieder sprechen, aber ihre Sprache war sehr undeutlich. Der rechte Arm und das rechte Bein blieben für immer gelähmt.

Ihr ganzes Leben lang lebte sie seitdem als Soldatenwitwe. Sie bewahrte alle Frontbriefe meines Vaters auf. Es ist erstaunlich, wie viel er innerhalb der sechs Monate im Krieg geschrieben hatte. Sie wären wohl ein glückliches Ehepaar gewesen. Ich hätte bei ihrer goldenen Hochzeit dabei sein können. Mein Vater hätte sich über seine vier Urenkel gefreut.

Erstaunlicherweise bin ich heute 40 Jahre älter als mein Vater. Alle 30-jährigen Männer kommen mir wie unerfahrene Burschen vor. Zu meinem Vater blicke ich aber bis jetzt auf, als ob ich noch der damalige Vorkriegsjunge bin, der sich an die Schnalle seines Kommandeursriemens drückt und sich mit beiden Händen an Vaters Hand festhält.

Einer der Briefe von der Front

… in ein paar Tagen schicke ich dir noch 500 Rubel. Künftig werde ich dir helfen, wie ich kann. Sei bitte nicht traurig, obwohl du es schwer hast…

Liebste, ich bin dir so dankbar für all die Sorgen, die du dir um mich machst. Es ist sehr angenehm, dass du an mich denkst, dich an mich erinnerst und mich vermisst. Glaub mir, ich vermisse dich nicht weniger. Mein einziger Wunsch ist es, den ganzen Krieg hinter mir zu haben und mit dem Sieg zu dir und zu meinen Kindern zurückzukehren, um sie nicht für einen neuen Krieg zu erziehen, sondern für die schöpferische Arbeit und ein glückliches Leben.

Ich vermisse die Kinder sehr, den Grischa nicht weniger als die Sonja. Erst jetzt fühlte ich, dass Grischa und Sonja mir gleich lieb sind. Ich bitte dich, erinnere die Kinder öfter an mich. Ich möchte, dass sie wissen: Sie haben einen liebevollen Papa, der sich um sie kümmert, solange er lebt. Lass Grischa in jedem Brief mit schreiben und schreib mir ausführlicher über Sonja. Wie sie sich benimmt, was sie sagt, wie sie sich an mich erinnert, wie sie aussieht.

Schreib auch über dich ausführlicher. Ich habe dir bereits geschrieben, dein Brief…

Die Geschichte wurde von Grigori Breigin eingeschickt



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