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Tagebuch - Russische Erinnerungen
Großvater Wassili machte sich ein Jahr älter und ging mit 17 freiwillig an die Front

Menschen, die im Krieg waren, sprechen nicht gern darüber. Als meine Mutter in ihrer Kindheit meinen Großvater bat, ihr etwas zu erzählen, schaute er bloß listig und kraulte seinen Schnurrbart. Er erzählte höchstens über komische Situationen, wenn er aber traurige Kriegslieder sang, standen ihm Tränen in den Augen. Als mein Großvater starb, war ich noch sehr klein, über seine Kriegsjahre erfuhr ich von meiner Mutter Jahre später etwas.

Wie sich herausstellte, hatte sich mein Großvater mütterlicherseits, Wassili Tichonowitsch Beljajew (1925-1981) 1942 um ein Jahr älter gemacht, um mit 17 Jahren freiwillig an die Front gehen zu können. Aus der Stadt Schimanowsk im Amur-Gebiet wurde er an eine Frontschule in Tschita geschickt, wo er nur wenige Monate verbrachte.

Mit der Armee war er in der Ukraine und in Weißrussland unterwegs, 1945 wurde er aus Ungarn in den Fernen Osten geschickt, wo der kurze russisch-japanische Krieg begann.

Nach dem Krieg blieb Unteroffizier Beljajew als Längerdienender bei der Armee und wurde Chef einer Frauenkompanie in der fernöstlichen Stadt Spassk Dalni. Wie er erzählte, nähten seine Soldatinnen mit einer erbeuteten Nähmaschine Büstenhalter und kurze Unterhosen aus langen Soldatenunterhosen. Das hat ihn sehr beeindruckt.

Meine Mutter erzählt auch heute ihrem Enkelsohn darüber, wieviele Tapferkeitsmedaillen sein Urgroßvater hatte und wie er schießen und Messer werfen konnte. Wie sie sagte, habe Großvater Wassili, als er ihr Schießen beibrachte, Glasflaschen als Zielscheibe mit der Öffnung zu sich hingelegt: Wenn er schoss, blieb der Flaschenhals ganz, nur der Boden zerbarst.

Als meine Mutter heiratete und in einer Garnison an der Grenze untergebracht wurde (mein Vater ist Grenzer), brachte sie jungen Soldaten das Schießen auf dem Übungsgelände bei. So gut war Großvaters Schule!

Wie meine Mutter sagte, blieb ihr besonders eine Einzelheit aus der Geschichte im Gedächtnis, die der Großvater über den Krieg erzählte. Bis zum Jahr 1943 marschierten unsere Soldaten an der Front in Wickelgamaschen und Schuhen, erst später bekamen sie Stiefel.

Nach drei Tagen und Nächten, die er in einem Sumpf im Hinterhalt verbracht hatte, wollte mein Großvater die Wickelgamaschen abwickeln - da spritzte aber Blut aus den Poren, so angeschwollen und nass waren seine Beine.

In den drei ersten Nachkriegsjahren heiratete mein Großvater dreimal. Meine Großmutter war seine vierte und letzte Ehefrau. Sie lebten 33 Jahre zusammen und starben im gleichen Jahr. Meine Großmutter, Marija Gurjewna Gorkowenko (1927-1981) war 1941 erst 14 Jahre alt, als sie zusammen mit anderen Mädchen in Spassk Dalni zu Feldarbeiten auf dem Traktor mobilisiert wurde.

Wie sie sich erinnerte, hatten sie große Angst vor dem Traktor und weinten, gingen aber dennoch zur Arbeit. Männer gab es so gut wie keine mehr - alle waren an die Front gegangen.

Ihre beiden älteren Brüder gingen auch. Daniil Gurjewitsch Gorkowenko (1920-1996) hat den ganzen Krieg bis Berlin durchgemacht und den Roter-Stern-Orden sowie eine Menge Medaillen erworben.

Das Foto, auf dem Onkel Danja vor dem Reichstag steht, brachte meine Mutter zum Heimatkundemuseum in Schimanowsk. Dmitri Gurjewitsch Gorkowenko, Jahrgang 1923, wurde bei der Stadt Istra bei Moskau vermisst. Sein letzter Brief kam gerade von dort. Darin hieß es, dass sie sich auf einen Kampf vorbereiteten...

Mein Großvater väterlicherseits, Jakow Titowitsch Burnussow (1923-1998) wurde in Tscheljabinsk zur Armee einberufen. Er diente in der Sibirischen Division und lief bereits 1941, ganz zu Beginn des Krieges, auf eine Mine. Er bekam davon 13 Splitterwunden ab - eine an der Schläfe, alle anderen am Bein.

Ich erinnere mich, wie er mich in meiner Kindheit sein Knie abtasten ließ - ein Splitter war deutlich zu spüren. Im Jahre 1941 verbrachte er ein halbes Jahr in einem Spital, anderthalb Monate davon im Koma. Das war in der Stadt Bely, Gebiet Kalinin (heute Twer). Man wollte sein Bein amputieren, er weigerte sich aber.

40 Jahre später musste er das Bein dennoch amputieren lassen, weil darin eine Blutvergiftung einsetzte. 1942 bis 1945 begleitete er Eisenbahntransporte. 1946 diente er in einer Motorrad-Regierungskompanie in Babuschkino. Nach der Amputation wollte mein Großvater nicht mehr gehen. Er lag nur und rauchte. Nur ab und zu humpelte er auf Krücken in den Hausvorbau heraus...

Der ältere Bruder meines Großvaters, Wassili Titowitsch Burnussow, Jahrgang 1912, war Chef einer Kfz-Kompanie in der Fliegerdivision Wassili Stalins, die in Mamyri bei Moskau stationiert war.

Meine Großmutter Alexandra Fjodorowna Sabudaschkina, Jahrgang 1921, ist Arbeitsinvalide 3. Grades. Vor dem Krieg war sie Friseuse in Moskau gewesen. Dann schickte man sie in einen Rüstungsbetrieb, der Granatenhülsen herstellte. Beim Stanzen verlor sie drei Finger der rechten Hand. Erst vor vier Jahren ging sie in Rente. Wenn ich ihre Hände sehe, begreife ich, dass sich die Welt auf diese Hände stützt...

Die Geschichte wurde von Jelena Burnussowa, Moskau, Russland, eingeschickt



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