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Tagebuch - Russische Erinnerungen
Der Boden explodierte unter den Füßen des Großvaters

Man sagt, dass mein Großvater unter einem glücklichen Stern geboren wurde. Im Krieg war er Infanterist und träumte davon, bis nach Berlin durchzuhalten. Das gelang ihm aber nicht, denn den Weg nach Berlin versperrte ihm der Kursker Bogen. Es war eine heiße Schlacht. Für den Sieg mussten wir teuer bezahlen. Geschosse und Kugeln pfiffen vorbei, Panzer dröhnten. Menschen fielen wie vom Blitz getroffen zu Boden, aber es wurde trotzdem vorwärts gegangen.

Als der Bataillonskommandeur getötet wurde, übernahm mein Großvater, damals erst 21 Jahre alt, ohne Zögern das Kommando. Er ließ das Bataillon aufstehen und führte es mit Hurragebrüll vorwärts. Mein Großvater lief vornweg, ohne sich zu verstecken und riss mit dem eigenen Beispiel die anderen mit...

Plötzlich explodierte der Boden unter seinen Füßen. Mein Großvater wurde von einem Geschoss getroffen. Das Letzte, was er sich ins Gedächtnis zurückrufen kann, ist: Er wurde vom Boden gerissen und zur Seite geschleudert. Ihm wurden beide Füße und ein Arm zertrümmert, auch an Brust und Kopf wurde er verletzt. Es war ein Wunder, dass er am Leben blieb!

Aber damit nicht genug: Durch die Wucht der Detonation wurde mein Großvater in den Fluss geworfen. Der Fluss war breit und schnell - das wäre sein sicher Tod gewesen. Doch schien mein Großvater von irgendwelchen unsichtbaren Kräften behütet zu werden. Aus letzten Kräften wickelte er überhängende Weidenäste um seinen Arm und verlor das Bewusstsein.

Aber auch dann ließ ihn sein Beschützer nicht im Stich. Das Ufer entlang liefen Pioniere. Einer von ihnen glaubte, ein leises Stöhnen gehört zu haben, und ging zum Ufer, um nachzusehen. Wie gut, dass es in diesem Krieg so viele teilnahmsvolle und hilfsbereite Menschen gab.

Dass ich jetzt einen Großvater habe, ist jenen jungen Soldaten, fast seinen Altersgenossen zu verdanken, deren Namen ihm unbekannt geblieben sind. An seinen Armen sind auch heute noch weiße Narben - Spuren von den rettenden Ästen zu sehen.

Ich mag es, seine Auszeichnungen zu betrachten und ihn die Geschichte einer jeden von ihnen erzählen zu hören. Mein Großvater hat so viele Auszeichnungen, dass ich mir nicht alle merken kann. Mein Großvater ist jetzt 82 Jahre alt, und ich wünsche mir sehr, dass er noch lange lebt. Ebenso wie alle lebenden Augenzeugen dieses schrecklichen Krieges, die uns den Sieg näher brachten.

Nicht weniger interessant ist das Schicksal meiner Großmutter. Sie bekam den Krieg von einer anderen Seite zu sehen. Zusammen mit vielen anderen Einwohnern von Pawlowsk wurde sie in ein Konzentrationslager in Polen gebracht. Vier lange Jahre wartete meine Großmutter auf die Befreiung, ohne etwas über das Schicksal ihrer Familie zu wissen. Zusammen mit ihr war ihre jüngere Schwester. Von den anderen sechs Geschwistern wie von den Eltern hatte sie nichts gehört.

Die Häftlinge mussten Tag und Nacht arbeiten, sie wurden unter unmenschlichen Bedingungen gehalten und schlecht ernährt. Einmal versagten meiner Großmutter, damals erst 22 Jahre alt, plötzlich die Beine. Es sei gesagt, dass die Kranken es dort schwerer hatten, als die Toten. Meine Großmutter musste also, sich auf Krücken stützend, mit Hilfe der Schwester und anderer Leidensgefährten, zur Arbeit gehen.

Die Rettung kam durch ihren Beruf. Sie war nämlich eine sehr gute Friseurin, und die Nazis ließen sich manchmal von ihr die Haare schneiden. So lernte sie einen russischen Auswanderer kennen, der sie aus Mitleid heimlich mit Essen versorgte. Diese winzigen Krümchen brachte sie in die Baracke und teilte sie mit den anderen Häftlingen.

Als sich das Ende des Krieges näherte, wurde das Lager oft beschossen. Das war sehr schrecklich. Als die Nazis ihr nahes Ende spürten, ließen sie alle in Lastkähne steigen und versenkten sie im Meer. Meine Großmutter sowie ihre Schwester und Freundin wurden damals von dem russischen Emigranten bei sich versteckt. Solch eine wunderbare Rettung.

Damit endete die Geschichte jedoch nicht. Meine Großmutter und ihre Schwester kehrten heim. Der Russe versuchte, sie davon abzuhalten, denn er wusste, dass dort Hungersnot herrschte. Als sie nach Leningrad kamen, standen sie lange auf der Straße, ohne Obdach und Familie, und wussten nicht, wo sie bleiben sollten.

Bedrückt beschlossen sie, eine Bekannte aufzusuchen - vielleicht hatte sie die Blockade überlebt. Sie gingen kaum ein paar Schritte, als sie unerwartet ihren Vater sahen, gesunkenen Hauptes, um die Ecke kommend. Wieviel Freude und Tränen gab es! Die Mädchen fragten zuerst natürlich nach der Mutter und den anderen.

Der Vater wurde etwas traurig und sagte, dass die Mutter und die Schwestern sowie der jüngste Bruder am Leben waren, aber der andere Bruder, der 13-jährige Witjuscha, einige Tage nach dem Sieg ums Leben kam. Er trat nämlich auf eine Mine, als er gemeinsam mit anderen Jungen im Wald herumstreifte.

Während die anderen Jungen auf der Stelle starben, lebte Witjuscha noch, als ihn die Mutter mit Tränen in den Augen mit dem Pferd ins Krankenhaus brachte. Auf dem Weg ins Krankenhaus beschwichtigte er die Mutter: „Beruhige dich, Mutti. Ich habe bloß Blut in den Augen. Ansonsten ist alles in Ordnung." Sie hörte zu und weinte noch bitterer: Witjuscha hatte keine Augen mehr. Plötzlich bat er um Wasser. Die Mutter eilte zu einem Brunnen. Als sie zurück kam, war ihr Sohn schon tot. Wahrscheinlich wusste er, dass er stirbt, und wollte nicht, dass die Mutter das sieht.

Meine Großmutter ist jetzt 84 Jahre alt. Ich wünsche ihr ein langes und glückliches Leben. Sollen unsere Alten, die diesen Krieg nicht nur vom Hörensagen kennen und alle ihre Kräfte auf dem Altar des Sieges opferten, leben und sich freuen.

Die Geschichte wurde von Ljudmila eingeschickt



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