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Tagebuch - Russische Erinnerungen
Die Partisanen haben meinem Großvater den "Verrat" nicht verziehen...

Als ich Ihre Web-Seite besuchte, verstand ich zuerst gar nichts. Sie schrieben vom September 1944. Die haben sich geirrt, dachte ich, begriff jedoch später, dass gerade ich mich irrte. Deshalb beschloss ich, auch meine Geschichte einzusenden. Fotos habe ich keine, vor vier Jahren verbrannten sie bei einem Brand zusammen mit Opa und Oma. Sie sind zusammen zugrunde gegangen. In unserer Familie aber wurde überhaupt nichts aufbewahrt. Solange meine Großmutter noch am Leben war, pflegte sie zu sagen, der Krieg sei zu Ende, aber die Niedertracht nicht. Davon möchte ich Ihnen erzählen, vielleicht veröffentlichen Sie das.

Während des Krieges diente mein Großvater bei der deutschen Polizei. Kein Grund, darauf stolz zu sein, das sehe ich ein, aber man muss doch der Sache auf den Grund gehen, um zu verstehen, wie das kam.

Als der Krieg begann, kannten sich mein Opa und meine Oma noch nicht, sie lebten sogar in verschiedenen Dörfern in Weißrussland, weit voneinander entfernt, ja sie begegneten einander kein einziges Mal. Großvater musste damals seine kranke Mutter, meine Urgroßmutter, pflegen. Sie waren nur zu zweit, andere Verwandte gab es nicht.

Das Dorf war winzig klein, nur sieben Häuser, und als die Deutschen kamen, äscherten sie drei Häuser ein und erschossen ihre Bewohner; in den übrigen Häusern aber nahmen sie alle Lebensmittel weg, und das Vieh trieben sie zu ihrer Küche. Der Gemüsegarten war ganz gut bestellt, aber die Deutschen, die mit Panzern ankamen, rissen mit ihren Raupenketten den ganzen Boden auf. Nur das Haus blieb stehen.

Als die Deutschen weggerollt waren, stellte Großvater den Gemüsegarten, soweit es ging, nach und nach wieder her. Danach erschien im Dorf bis zum August so gut wie keiner, und die Menschen wussten nicht, wie der Krieg verlief. Von den Nachbardörfern waren nur zwei übrig geblieben, und auch sie waren menschenleer.

Großvater sagte: Alle meinten, dass der Krieg zu Ende und die ganze UdSSR schon eine deutsche Kolonie sei. Ab und zu kamen die Deutschen doch; gewöhnlich ließen sie einfach alles, was sie an Lebensmitteln fanden, mitgehen und fuhren wieder weg.

Nach dem Winter erschienen Partisanen in den Wäldern. Mehrmals kamen sie ins Dorf und richteten in Großvaters Haus sogar ein Versteck mit Waffen und warmen Sachen ein; bald würden sie kommen und sie holen, sagten sie. Dann aber muss jemand bei den Deutschen eine Anzeige gemacht haben, die kamen und leerten das ganze Versteck.

Meinen Großvater schlugen sie und führten ihn ab, wohl um ihn in der Kommandantur im Verwaltungszentrum unseres Rayons abzuliefern. Seine Mutter blieb allein. Großvater kam eine Woche später zurück. Er hatte alles erzählt, und man ließ ihn gehen.

Aber bald kamen die Partisanen wegen ihres Verstecks, sie glaubten dem Großvater nichts, verziehen ihm den "Verrat" nicht und sagten, bald würden sie wiederkommen, nachts, und das Haus in Brand stecken, dieses Mal hätten sie die Nachbarn daran gehindert.

Sie hielten ihr Wort: Zwei Tage später setzten sie unser Haus nachts in Brand. Die Mutter des Großvaters hielt all das nicht aus und starb an Herzschlag in seinen Armen.

Danach ging Großvater zu Fuß ins Rayonzentrum und meldete sich zur deutschen Polizei. Er diente bis zum Jahr 1944 als Polizist, bis die Rote Armee Weißrussland befreite. Natürlich holte ihn das NKWD sofort, dort aber stellte sich heraus, dass er zwar bei den Deutschen im Dienst gestanden, in Wirklichkeit aber allerlei für unsere Frontkämpfer nützliche Nachrichten übermittelt hatte und beinahe schon ein Aufklärer gewesen war.

Trotzdem kam er vor Gericht, allerdings gleich nach dem Krieg: In dem allgemeinen Durcheinander waren bestimmte nötige Papiere verloren gegangen. Man verurteilte ihn zu 10 Jahren, aber schon zwei Jahre später wurde er entlassen. Er kehrte in seine Gegend zurück und lernte damals seine künftige Frau, meine spätere Großmutter, kennen.

Er wurde jedoch nicht rehabilitiert, weil nicht alle Dokumente erhalten geblieben waren, auch mit keiner einzigen Medaille ausgezeichnet, als wäre er nicht Aufklärer, sondern ein feindlicher Polizist gewesen. Aus demselben Grunde wurde er nicht als Kriegsveteran geführt.

Erst 1999 kam irgendein Brief aus dem Verteidigungsministerium. Großvater wurde darin aufgefordert, nach Moskau zu kommen, um dort die Formalitäten mit den erforderlichen Papieren zu erledigen. Aber Großvater zerriss den Brief und fuhr nicht hin, der Großmutter sagte er, sein Leben lang habe ihn der Staat in den Schmutz gezogen, so brauche er auch jetzt kein Seidentuch von ihm, um sich die Nase zu putzen.

Und 2000 fing sein Haus nachts Feuer, und sie verbrannten darin alle beide.


Das also wäre meine Geschichte. Ich verstehe, dass sie nicht unbedingt veröffentlicht wird, aber zum Andenken an meinen Großvater schicke ich sie Ihnen doch. Danke in jedem Fall.

Eingesandt von Leonid Ossaschkow



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