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Tagebuch - Russische Erinnerungen
Mein Onkel kam am Hochzeitstag seiner Frau aus dem Krieg

Wir sind alle Träger unserer Kindheit - dieses Zitat, inzwischen beinahe ein geflügeltes Wort, charakterisiert einige unserer bereits erwachsenen Perzeptionen und Empfindungen wohl am besten. Meist empfinde ich den Krieg so, wie ich es eben in meiner Kindheit erlebte. Damals wurde diesem Thema weit mehr Beachtung geschenkt: Es bestanden Klubs von Menschen, die freiwillig nach Spuren von Verschollenen suchten; Museen entstanden, und wenn die Rede von jenen Ereignissen war, fanden sich dankbare Zuhörer. Heute sinkt die Zahl der Augenzeugen jener Ereignisse immer mehr, und nun versuchen wir, unseren Kindern zu erzählen, was wir vom Krieg gehört haben. Am häufigsten ist es ein Stück aus der Geschichte der eigenen Familie.

Mein Vater kennt seinen Vater nur nach einem Foto. Als mein Großvater, Alexej Michailowitsch Adonin, 1941 bei Orjol fiel, war mein Vater zwei Jahre alt. Die Großmutter, Antonina Jefimowna Adonina, heiratete nicht mehr und zog vier Kinder groß, wobei das vierte Kind im Herbst 41 zur Welt kam, als Großvater schon nicht mehr lebte.

Meine Mutter wurde 1945 geboren, sah jedoch ihren Vater, Grigori Timofejewitsch Sereda, bis 1952 lediglich während seiner kurzen Urlaube; Großvater wurde 1945 für sieben Jahre einberufen (nach dem Krieg war der Armeedienst lang).

Meine Großmutter, Anna Danilowna Sereda, war sechzehn, als bei einem Luftangriff auf Charkow auf dem Hof ihres Hauses ein Geschoss explodierte und ihre Mutter, meine Urgroßmutter, vor ihren und ihrer Schwester Augen verwundet wurde. Oma weint bis heute, wenn sie erzählt, wie sie und ihre Schwester drei Tage später ihre Mutter direkt auf dem Hof des Hauses begruben.

Mein Urgroßvater Daniil (Omas Vater) hatte den ganzen Krieg mitgemacht und besaß Regierungsauszeichnungen. Im Krieg hatte er ein Bein verloren. Ich sah ihn zwar selten, weiß aber noch, wie schön er Harmonika spielte. Obwohl behindert, bewirtschaftete er das Haus mit fester Hand. Er war ein starker Mensch, ein Mensch von echtem Schrot und Korn.

Eine völlig unwahrscheinliche Geschichte passierte dem Onkel des zweiten Großvaters meiner Mutter. Er ging bald nach seiner Hochzeit an die Front, seine Frau erwartete gerade ein Kind. Laut offiziellen Dokumenten galt ihr Mann dann als verschollen. In Wirklichkeit geriet er in Gefangenschaft, worauf er noch in der Heimat als Hochverräter eingesperrt wurde.

Erst zwölf Jahre nach Kriegsende kehrte er wieder heim. Seine Frau hatte lange auf ihn gewartet und alle Heiratsangebote ausgeschlagen, aber gerade in dem Jahr, als ihr Mann heimkehrte, nahm sie ein solches Angebot an. Und ausgerechnet am Hochzeitstage kam der "Verschollene" in sein Heimatdorf zurück. So wollte es das Schicksal...

Meine Angehörigen waren keine hervorragenden Kriegshelden, aber für mich sind sie immer die größten, die mutigsten Helden, und ich gebe mir Mühe, meinen Kindern klar zu machen, dass in jenem Krieg der Sieg von jedem Einzelnen abhing. Ich will eben, dass meine Kinder von jenem Krieg wissen.

Eingesandt von Nadeschda Balinowa




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