Ein Projekt von: aktuell.ru, RIA Nowosti und Echo Moskaus
Tagebuch - Russische Erinnerungen
Ich habe mein ganzes bewusstes Leben lang nach meinem Vater gesucht

Mein Vater heißt Wartan Jakowlewitsch. Wir haben uns nur in den ersten vier Monaten meines Lebens gesehen - ich wurde im März 1941 geboren, und im Juli zog mein Vater in den Krieg. Diese Geschichte hörte ich von meinem Bruder Erik, der beinahe vierzehn Jahre lang mit Vater zusammenlebte. Vater war achtzehn, als er von Tbilissi nach Moskau ging, um an einer Offiziersschule zu studieren. In Moskau wohnte er eine Zeitlang bei seinem älteren Bruder Wanja. Mit der Offiziersschule klappte es nicht, und bald verließ mein Vater die Hauptstadt.

Trotz dieses Misserfolges gab er den Gedanken an eine Offiziersschule nicht auf. Ein Jahr später wurde er in die vereinigte Offiziersschule von Taschkent aufgenommen, um Kavalleriekommandeur zu werden. Dort in der Schule lernte er bei Proben in Laienzirkeln meine künftige Mutter, Vera Alexandrowna Sotenskaja, kennen.

Vater war ein treuer Stalinist. Seine Schwestern sagten sogar: "Wartan, wüsste Stalin, wie unbedingt du ihm vertraust, würde er dich in seine persönliche Wache aufnehmen." All das Schlimme, was sich in jener Zeit ereignete, erklärte er damit, dass Stalin nichts wisse, dass man es ihm nicht melde.

Nach der Verhaftung des Mannes von Tante Anetschka kam Vater oft die Schwester besuchen. Sein Chef riet ihm von Besuchen bei der Frau eines "Volksfeindes" ab (jemand musste es ihm gemeldet haben). Aber Vater kam weiter bei seiner Schwester vorbei. Außerdem beschloss er gerade in jener Zeit, in die Partei der Bolschewiki einzutreten. Sein Antrag wurde jedoch abgelehnt, man warf ihm "Unaufrichtigkeit" vor.

Am 23. März 1941 kam mein Bruder Valeri zur Welt. Aus diesem Anlass kaufte Vater eine Fotokamera, und wir knipsten unseren Kleinen um die Wette.

Das Familienglück sollte nicht lange währen. Am 22. Juni 1941 begann der Große Vaterländische Krieg. Vater wurde zur Arbeit im Kriegskommissariat herangezogen. Einen Monat später meldete er sich zur aktiven Armee und wurde eingezogen. Er fuhr nach Kirowabad (Aserbaidschan), wo gerade eine Kavalleriedivision aufgestellt wurde.

Im September reiste unsere Mutter mit uns zu Vater zu Besuch. Wir brachten ihm seine persönliche Waffe - einen silberverzierten Dolch und einen ebensolchen Säbel - mit. Fünf Abende durften wir mit ihm verbringen. Das war unser letztes Treffen.

Im Oktober erhielten wir den ersten Frontbrief vom Vater. Dann gab es noch Briefe und Ausschnitte aus Frontzeitungen, worin berichtet wurde, wie ein Verband unter dem Kommando von Major Dschanojew kämpfte, und es hieß, dass er für eine Regierungsauszeichnung vorgeschlagen wurde.

Vater ging als Schwadronskommandeur an die Front, aber ein halbes Jahr später befehligte er schon ein Kavallerieregiment. Sein letzter Posten war Chef der Rückwärtigen Dienste einer Kavalleriedivision. Diesen Posten mochte er nicht besonders, weil er seiner Natur nach ein Kämpfer war. Die Division, in der er diente, kämpfte in der Richtung Charkow in den Räumen Barwenkowo, Losowaja und Isjum.

Der letzte Brief meines Vaters stammt vom Mai 1942. Am 20. Mai 1942 wurde er 37 Jahre alt. Die Armee, zu der seine Division gehörte, geriet bei Charkow in einen Kessel. Seitdem galt Vater als verschollen. Jemand hatte gesehen, wie er als Schwerverwundeter von einer Ordonnanz ins Hinterland gebracht wurde, aber die Suche in den Lazaretten und Krankenhäusern ergab nichts.

Ich habe ihn mein ganzes bewusstes Leben lang gesucht - und nicht gefunden. Ich traf mich mit einigen seiner Kriegskameraden, doch hatte keiner von ihnen Wartan Dschanojew nach dem Mai 1942 gesehen.


Eingesandt von Valeri Dschanojew



Alle russischen Erinnerungen
Kriegsende-Banner für Ihre Website

Dies ist ein Projekt von Russland-Aktuell, RIA Nowosti und Radio Echo Moskaus
Weitere Verwendung im Internet nur mit Quellenangabe und Link zu
kriegsende.aktuell.ru
© .RUFO; © RIA Nowosti