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Tagebuch - Russische Erinnerungen
Juri Bondarew: Einen Tag Zeit zum Untertauchen

Schon als Junge mochte ich nicht, wie andere Kinder Soldat spielen. Und das vor allem deshalb, weil der Krieg wie eine schwarze Katze den Lebensweg meiner ganzen Familie kreuzte. Aber urteilen Sie selbst.

Oma Pascha. Der anständigste und mir liebste Mensch auf Erden. Das erste Mal heiratete sie Timofej Koschmanow, damals Ausbilder von Militärpiloten in Gatschina. 1937, als "sie" Opa abholten, bestellte sie der Leiter der Schule zu sich und schickte sie mit seinem Dienstwagen zum Bahnhof. Er sagte nur: "Du hast einen Tag, um unterzutauchen."

Oma fuhr mit meiner damals sechsjährigen Mutter in die Gegend von Moskau. In allen darauf folgenden Jahren gelang es weder Oma noch Mama oder mir, Timofej ausfindig zu machen.

Bald heiratete Oma zum zweiten Mal, und zwar Grigori Lukjantschuk. Der neue Großvater arbeitete als Vorarbeiter auf dem Bau. Zu Kriegsbeginn kamen Dina und Rosa zur Welt. Im Herbst 1941 ging er trotz seiner Freistellung mit den Militärkursanten aus Podolsk an die Front. Sie fielen alle am Fluss Nara. Nach drei Tagen waren die Kursanten der Artillerieschule und die Freiwilligen aus unserem Kreisgebiet aufgerieben; nur vier überlebten.

Der Wald war noch 30 Jahre später unbetretbar

Ich begriff das erst 1967, als ich nach der Schule oder im Pionierlager durch die Gegend stromerte. Dabei begriff ich, dass man den Wald nicht betreten durfte. An allen Ecken und Enden detonierten alte Minen. Die Überlebenden konnten einfach nichts erzählen. Noch 25 Jahre nach den damaligen Kämpfen fanden sie nur drei Worte, um zu beschreiben, was sie erlebt hatten: Ja, nein, furchtbar.

Oma war abermals Witwe. Es gab weder eine Beerdigung noch einen Totenschein. Opa Grigori verweste einfach irgendwo, ohne Grabstein. Es gibt nur ein gemeinsames Mahnmal an der Warschauer Chaussee, gleich hinter der Brücke über die Nara, dort, wo einige der Jungen damals gefallen sind.

Mama wurde im Wald von Wölfen angefallen

Mama Schura. Da nun Oma die Familie ernähren musste, wurde Mama mit ihren 10 Jahren zur "Mutter" ihrer kleinen Schwestern. Faktisch zog sie sie auf, denn Oma arbeitete bis in den späten Abend in einem Betrieb. Nachts zogen Oma und Mama dann in den Wald, um Holz zu schlagen, damit wir unser Zimmer in der Baracke wenigstens etwas heizen konnten. Mama erzählte, dass sie zweimal von Wölfen angefallen wurden.

Eines Tages wurden sie fast von einem Wachposten erschossen, als sie sich in der Dunkelheit versehentlich der Mauer des Rüstungsbetriebes näherten. Heute ist sie 74 Jahre alt. Die jüngeren Schwestern kommen bis heute zu ihr und kuscheln sich wie kleine Kinder an.

Papa Ljoscha. Er wurde Ende 44 zur Armee eingezogen. Da er sich in der Schule als Hobbyfotograf betätigt hatte, steckte man ihn in eine Ausbildungsstätte der Luftwaffe. Er absolvierte dort einen Schnellkurs und geriet zur Luftaufklärung. Von Februar bis Mai 45 flog er als Luftfotograf mit einer Pe-2.

Papa lächelt auf der Tragfläche eines Flugzeugs

Zum Mann geworden, kam Alexej Bondarew mit zwei Medaillen aus dem Krieg nach Hause zurück, darunter die Tapferkeitsmedaille. Ich kann nur bestätigen, was auch andere sagen: Vater liebte es nicht, mit Auszeichnungen zu protzen. Doch von allen Ehrungen, die er erhalten hat, war diese Medaille ihm die wertvollste.

Er sprach nicht gerne vom Krieg. Wenn ich ihn sehr bat, dann sagte er nur: "Hast du schon versucht, den Kopf in ein Lagerfeuer zu stecken? Genau so ist es, wenn Du mit dem Flugzeug im Sturzflug runter gehst, und von allen Seiten explodieren die Geschosse." Auf den Fotografien ist Papa als junger und gut aussehender Mann abgebildet, wie er lächelnd auf der Tragfläche eines Flugzeugs sitzt.

Am Feiertag, dem 9. Mai, griff er unbedingt zur Ziehharmonika und spielte die alten Soldatenlieder. Danach bat ihn Oma, die Polonaise von Oginski zu spielen. Allen Erwachsenen kamen die Tränen.

Und dennoch, für uns war das der allerwichtigste und liebste Feiertag. Ich bekam vom Blechkuchen die schmackhaftesten Stücke. Unsere Großväter hielten ein Glas mit Wodka in der Hand, bedeckt von einem Kanten Schwarzbrot. Oma und Papa leben schon nicht mehr. Doch den Wodka gibt es weiter. Und auch für sie stelle ich symbolisch ein Glas Wodka hin.




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