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Tagebuch - Russische Erinnerungen
Anna Draj-Pratschowa: Mein einfacher Sieg

Mein Vater, Jakow Pratschow, wurde am 1. Mai 1943 vom Rayonkriegskommissariat von Kriworoschje in die Pionierdivision der 40. Armee der Woronescher Front, in den Truppenteil 12158 der Einsatzarmee einberufen. Kommandeur des Truppenteils war der Chef des Pionierwesens Major Putjana. "Vater, erzähle mir über den Krieg", bitte ich.

"Tja, meine Tochter, das ist lange her, und die Erinnerungen sind nicht eben fröhlich. Fünfunddreißig Jahre sind seit dem Kriegsende vergangen, aber vergessen lässt sich nichts. Die weiten und staubigen, schweren und gefährlichen Wege, der Verlust von Kameraden... Da war eben viel los.

Aus dem Rayonzentrum Kriworoschje (bei Millerowo) wurden wir nach Krasnodon und dann zur Station Losowaja gebracht. Ich kam als Untersergeant in eine Pionierdivision. Am 17. Juli 1943 legte ich im 42. selbstständigen Baubataillon, das zum Bestand der Pionierbautruppen von Oberst A. P. Petrow gehörte, den Eid ab. Per Schiene fuhren wir über Charkow in den Rayon Mereschkino, Gebiet Poltawa, hielten uns dort aber nicht lange auf.

Es ging weiter, wir marschierten nach Krementschug. Die Deutschen waren auf dem gegenüberliegenden Dnjeprufer. Wir schlugen eine Pontonbrücke über den Dnjepr. Ja, Töchterchen, das war schwer, sehr schwer. Nachdem wir die Deutschen verdrängt hatten, setzten auch wir über. An die anderthalb Wochen lagen wir in Seljony Jar. Darauf ging es nach Gorodischtsche, Gebiet Kirowograd, unweit der Stadt Snamenka. Hier standen wir praktisch ununterbrochen im Kampf.

Kämpfe in Rumänien

Die Deutschen ließen ihre Technik und ihre Kraftfahrzeuge liegen und stehen. 1944 blieben wir stets dicht hinter unserer vordersten Kampflinie. Wir bauten wiederum eine Pontonbrücke, diesmal über den Dnjestr. Den 1. Mai 1944 begingen wir in Bessarabien (Moldawien). Um nach Rumänien in den Raum des Flusses Moldawanka zu kommen, schlugen wir eine Pontonbrücke über den Prut.

Acht Monate lang verlief die Frontlinie im Raum Jasi. Wir lagen unter ständigem Beschuss von den betonierten befestigten Feuerpunkten der Deutschen aus. Am 7. Oktober 1944 durchbrach unsere Armee die Front. Rumänien ergab sich und trat zu den sowjetischen Truppen über.

Ungarn und Tschechoslowakei – Kampf um jeden Flecken

Ende Oktober 1944 unternahmen wir im Bestand der 40. Armee der 2. Ukrainischen Front einen 500 Kilometer langen Marsch bis zur Theiß in Ungarn. Ab und zu konnten wir den Weg zu Pferde oder auf LKWs zurücklegen. Wiederum bauten wir eine Pontonbrücke, jetzt über die Theiß, und nahmen die kleine Stadt Satu-Mare in Rumänien ein. Die Hausbesitzer hinterließen bei ihrer Flucht viel Wein, die Soldaten von der vordersten Kampflinie betranken sich, und viele unserer Kämpfer wurden getötet.

Im Frühjahr rückten wir unter Kämpfen immer weiter vor. Fast alle Städte waren sehr gut befestigt. Um jede davon wurde gekämpft. Ich nahm an den Kampfoperationen bei der Einnahme der Stadt Szikszo (Ungarn) und der altertümlichen kleinen Stadt Zvolen, eines Eisenbahnknotenpunktes in der Tschechoslowakei, teil. Die Frühjahrssonne schien, überall war ein Meer von blühenden Gärten, aber um jedes noch so kleine Städtchen wurde schwer gekämpft.

Schiffheben und Brückenbau an der Donau

Am 4. Mai 1945 gegen 12.00 Uhr endete das Gefecht. Stille trat ein. Man hörte weder das Dröhnen von Panzern noch den Lärm von Fahrzeugen. Wir wussten damals noch nicht, dass der Krieg zu Ende war. Erst als wir etwa sechzehn Kilometer weit von einer Siedlung weggefahren waren, sagte man uns, dass der Krieg zu Ende war. Das geschah unweit von Bratislava. Später ging es über Bratislava nach Österreich, von dort die Donau abwärts nach Österreich, bis wir bei Wien stehen blieben. Ich war bis September 1945 im Dienst. Wir hoben versenkte Schiffe aus der Donau.

Außerdem bauten wir in Österreich und Ungarn Brücken wieder auf. Durch einen Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 25.09.1945 wurde ich demobilisiert. Bis zu unserer Grenze durchritten wir die Tschechoslowakei, Ungarn und Rumänien, bis wir nach Tschernowzy kamen. Weiter benutzte ich einen Zug, erreichte die Station Debalzewo, musste dort aber einen Tag und dann in Rodakowo noch einen weiteren Tag warten. Ich war schon ganz nahe an meinem Heimatort, aber immer noch nicht angekommen. Erst am 30. Oktober 1945 war ich daheim."

Auszeichnungen und Medaillen zum Dank

Zweimal wurde Jakow Grigorjewitsch Pratschow der Dank ausgesprochen: durch einen Befehl des Obersten Befehlshabers Marschall der Sowjetunion J. W. Stalin vom 13. 11. 1944 und durch einen Befehl des Obersten Befehlshabers Marschall der Sowjetunion J. W. Stalin vom 14. 03. 1945, einmal weil er "sich im Bestand der Pionierbautruppen von Generalmajor A. P. Petrow in den Kampfoperationen bei der Einnahme der Stadt Szikszo (Ungarn)" und zum zweiten Mal weil er "sich im Bestand der Pionierbautruppen von Generalmajor A. P. Petrow in den Kampfoperationen bei der Einnahme der Stadt Zvolen (Tschechoslowakei) ausgezeichnet hat".

Außerdem hat mein Vater die Medaillen "Für den Sieg über Deutschland im Großen Vaterländischen Krieg 1941-1945" (überreicht am 06. 11. 1969) und "Fünfzig Jahre Streitkräfte der UdSSR" (überreicht am 04. 08. 1969) erhalten. Aus der Wehrkartei wurde er am 10. 01. 1961 aus Altersgründen ausgegliedert.

Auf diese einfache und bescheidene Art erzählte mein Vater vom Krieg. Aber in den letzten Jahren tat er das nicht gern. Am liebsten möchte ich die Zeit mit ihm wieder erleben, um ihn noch ausführlicher auszufragen. Aber wie holt man die Zeit zurück?




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