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Tagebuch - Russische Erinnerungen
Natalja Kusnezowa: Wie meine Mutter einer Reiterabteilung den Weg wies

Meine Mutter, Sinaida Demidowna Nasarowa, lebte während des Krieges bei ihren Eltern im Gebiet Tula. In der Familie gab es sieben Kinder: Nikolai, Alexander (geb. 1923), Anna, Pjotr, Sinaida (geb. 1929), Nadeschda (geb. 1939) und Michail (geb. 1941). Der älteste Sohn, Nikolai Demidowitsch, beendete vor dem Krieg die militärische Artilleriefachschule, machte den ganzen Krieg mit und wurde mehrmals ausgezeichnet; gegenwärtig lebt er in Cherson (Ukraine).

Der zweite Sohn, Alexander Demidowitsch, damals Einberufener im Rahmen der Wehrpflicht, zog direkt in den Krieg, erlitt mehrere Verwundungen und wurde ebenfalls ausgezeichnet. Nach dem Krieg lebte er im Gebiet Wologda, bis er 1980 ums Leben kam. Die Übrigen waren, da noch klein, nicht im Krieg, mussten jedoch all seine Nöte miterleben. Heute sind nur noch vier von den sieben Kindern am Leben.

Meine Mutter erzählte oft, wie sie damals gehungert, die letzten Ähren vom Feld gesammelt und Kartoffelschalen gekocht hatten und was für eine wunderbare, himmlische Leckerei für sie "Konfekt" aus Mohrrüben gewesen war. Auch erzählte sie, wie die Deutschen durch ihr Dorf gezogen waren. Eine Episode schrieb sie sogar nieder, ich will sie hier vollständig anführen:

Nach sieben Jahre Verbannung nach Hause

"Meine Eltern, aus dem Gebiet Tula gebürtig, lebten im Rayon Jepifanski (heute Kimowski), Gebiet Tula. Mein Vater, Demid Trofimowitsch Nasarow, wurde 1887 und meine Mutter, Wasilissa, 1901 geboren. 1934 wurde Vater verhaftet und ins Gebiet Westkasachstan, in die Stadt Uralsk verbannt. Ich weiß nicht mehr, aufgrund welchen Artikels er verurteilt wurde, aber auch die Mutter mit den inzwischen fünf Kindern musste ihm in die Verbannung folgen.

Als wir nach Uralsk kamen, war ich fünf Jahre alt, am Ende der Verbannung hatte ich dort vier Klassen absolviert. 1941 durfte Vater heimkehren. Ich weiß noch, wie er nach seiner Entlassung zu Mutter gesagt hatte: "Stalin hat einen Erlass herausgegeben: Ausnahmslos alle Sektierer, die keiner konterrevolutionären Verschwörung angeklagt waren, sind zu entlassen." Vater fuhr voraus, Mutter sollte ihm mit den Kindern im Juni nachreisen. Inzwischen waren wir sieben an der Zahl, der jüngste Bruder war 3 Monate, die kleine Schwester 2 Jahre und vier Monate alt.

Als die Bootsleute des Schiffs, mit dem wir gefahren waren, uns in den Zug verfrachteten, schaute Mutter aus dem Fenster und fragte: Was ist da los, die Menschen tanzen und weinen ja gleichzeitig. Eine Frau rief ihr zu: "Weißt du denn von nichts? Es ist Krieg!" Mutter schrie auf, weinte und bat, dass man uns wieder auf das Schiff brachte, aber die Bootsleute sagten, sie täten, was ihnen befohlen worden sei. So kehrten wir also in den ersten Kriegstagen in unser Heimatdorf zurück und lebten dort während des ganzen Krieges.

Ich bin gar kein Junge!

Leider gab es in dem Dorf für uns weder ein Wohnhaus noch sonst etwas. Ich erinnere mich daran, wie die Obrigkeit aus dem Rayonzentrum kam. Die Leute unterhielten sich mit Vater, entschuldigten sich und halfen unserer Familie bei der Einrichtung. Der Direktor des Sowjetgutes "Molodjonki" war geflüchtet, und wir durften in sein Haus einziehen, solange man uns im Dorf Butyrowka einen Platz für den Bau eines Hauses vorbereitete.

Als wir noch im Haus des Direktors wohnten, klopfte in einer schneeigen Nacht jemand an unsere Tür. Vater machte auf. Da traten viele Männer ins Haus ein und fragten, wo die Deutschen seien. Vater zeigte auf den Feuerschein eines Brandes und sagte: Das Dorf Krasnoje werde verbrannt. Der Kommandeur bat, ihnen den Weg zu zeigen, und da wies Vater auf mich und sagte, dass ich dort alle Pfade kenne. Ich aber trug eine Hose und eine kleine Schirmmütze, unter die ich meine Zöpfe steckte. Mein Bruder Petja war ein wenig älter als ich, aber Vater schob ihn beiseite, weil er ahnte, dass der Junge mit der Abteilung weggehen und nicht zurückkommen würde.

Und so führte ich die Männer über den Fluss zum Dorf Murawljanka. Dort war ein Dorngesträuch, und man konnte unbemerkt durchkommen, die Pferde wurden auf einem Umweg geführt, wir aber robbten uns durch das dichte Gewächs vor. So erreichten wir ein lichtes Birkenwäldchen, von dem aus hinter Strelizy (das war ein Hain) das Feuer im Dorf Krasnoje zu sehen war. Der Kommandeur gab mir die Hand und sagte: "Bleibe ich am Leben, so werde ich dich schon finden, mein Junge." Ich nahm die Schirmmütze ab und sagte, ich bin gar kein Junge, und da war er sehr verwundert.

Später hörten wir von den Bewohnern der Siedlung Butschalki, wo sich Kohlegruben befanden, dass die Reiterabteilung aus dem Wald die Faschisten zerschlagen hatte. Wir kannten jedoch weder den Namen dieses Kommandeurs noch die Bezeichnung der Abteilung, deshalb gelang es uns nicht, die Leute nach dem Krieg wieder zu finden."




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