Ein Projekt von: aktuell.ru, RIA Nowosti und Echo Moskaus
Tagebuch - Russische Erinnerungen
Kindheit in der Diversionsabteilung

Mein Großvater, Michail Semjonowitsch Judelson, erzählte nicht gerne, was er im Krieg erlebt hatte. Die Verwandten erzählten sich zwar ein paar Episoden, aber das war fast nichts. Einmal, als ich 13 Jahre alt war, versammelten sich alle am 9. Mai am festlich gedeckten Tisch. Der Großvater blickte etwas seltsam auf mich und sagte: "Mischutka, als ich so alt war wie du jetzt, habe ich den Tod gesehen und selber getötet". und ging aus dem Zimmer. An diesem Abend erzählten mir meine Eltern diese Geschichte.

Der Krieg überraschte meinen Großvater als Halbwüchsigen in dem weißrussischen Dorf Ljady. Nach einer Strafaktion der Deutschen waren im Dorf nur noch Einzelne am Leben. Die Nazis kamen in die Häuser und eröffneten einfach das Feuer. Meinen Opa rettete sein Großvater, der ihn mit dem eigenen Körper gegen die Kugeln abschirmte. Unter den Leichen seiner Verwandten musste mein Opa bis zum Einbruch der Dunkelheit liegen.

Dann floh er aus dem Haus in den Wald, wo er sich drei Tage lang von allem ernährte, was ihm in die Finger geriet. Als der Hunger nicht mehr zu ertragen war, begab er sich in abseits stehende Häuser der umliegenden Dörfer. Mal wurde er weggejagt, mal gab man ihm etwas zum Essen. Der Großvater fragte immer, wie er zu den Partisanen gelangen könne. Die meisten Menschen sagten nichts: Man hatte Angst vor der Hilfspolizei, die von den Deutschen bereits eingesetzt wurde.

Deutsches MG-Feuer an den Fersen

Nach zwei Wochen stieß mein Großvater auf einen Hilfspolizisten. Dieser schleppte ihn sofort in die Kommandantur, die sich in diesem Dorf befand. Am Eingang ließ er ihn auf einer Bank warten. Innerhalb von wenigen Minuten hatte sich mein Großvater vieles überlegt: "Man erschießt mich todsicher", entschied er und beschloss zu fliehen. Das Dorf war groß, die Straße war lang wie ein Tunnel und breit. Kaum war er geflohen, da rannte schon der Hilfspolizist aus dem Haus. Ausgerechnet in diesem Augenblick spielten Kinder auf der Straße. Aus Angst, sie zu verletzten, wagte es der Hilfspolizist, der aus diesem Dorf stammte, nicht zu schießen. Das rettete meinen Großvater.

Als er den Dorfrand erreichte, gerieten die Deutschen in Aufregung. Der Großvater lief schon über das Feld, als sie das Feuer eröffneten. Die Entfernung betrug ungefähr 200 Meter. Damals schossen die Maschinenpistolen mit Pistolenkugeln, die ziemlich weit fliegen konnten. Aus bruchstückartigen Erzählungen des Großvaters begriff ich, dass die Kugeln ihm fast an den Fersen brannten. Ich weiß nicht, was es heißt, vor Maschinenpistolensalven zu flüchten, und was man dabei denkt. Mögen diejenigen, die meine Geschichte lesen, sich das selbst vorstellen.

Dem Großvater gelang es zu fliehen. Noch zwei Kilometer lief er, aber schon durch den Wald. Dann begann er wieder, aber schon vorsichtiger, in die Dörfer zu gehen. Er betrat jedoch die Häuser nicht, sondern wartete am Zaun, ob man ihm etwas zu Essen brachte. Immer wieder fragte er nach den Partisanen.

Der lange Weg zu den Partisanen

Einmal sagte ihm eine Frau, dass es in der Umgebung Partisanen gäbe und dass mein Großvater später wiederkommen solle. Am Abend kam ein Mann im Alter von ungefähr 35 Jahren, bewaffnet mit einem deutschen Gewehr, mit deutschen Stiefeln an den Füßen, zu dem Haus. "Hast du die Partisanen gesucht? Komm." Sie gingen lange durch den Wald. Der Mann, so schien es meinem Vater, ging absichtlich in Kurven, damit sich mein Opa den Weg nicht merken konnte.

Wie sich herausstellte, waren es nicht direkt Partisanen, sondern eine Abteilung des Volkskommissariats des Innern, des NKWD, die in den Rücken der Wehrmacht eingeschleust worden war, um Diversionen zu verüben. Die Abteilung bestand aus mehreren kleineren Gruppen, die im Wald lagerten. Bei einer von ihnen verbrachte mein Großvater zwei Monate, bevor er einem der Kommandeure vorgestellt wurde. Dieser fragte den Großvater, wie er hier her geraten war, warum er die Partisanen suche und ob er die Gegend gut kenne.

Dann wurde mein Großvater eingegliedert. Zuerst sollte er in Dörfern Nahrungsmittel für die Abteilung beschaffen. Etwas später, als man ihm schon vertraute, erfüllte er wichtigere Aufträge: Er wurde zum Verbindungsmann in die Stadt geschickt, überbrachte Sprengstoff für die Sprengkommandos und nahm an deren Einsätzen teil. Außer den Mitgliedern der Gruppe, dem Kommandeur und seinem Stellvertreter, wusste niemand, was für Auftrag erfüllt würden. Manchmal wusste von der ganzen Gruppe nur der Älteste darüber Bescheid.

Für einen Kriegsteilnehmer eigentlich viel zu jung

1943 wurde mein Großvater ins Hinterland geschickt. Die Front wich schon mehr und mehr nach Westen zurück. Nach Kriegsende führte mein Großvater mit dem Kommandeur der Abteilung einen Briefwechsel. Einige Male trafen sie sich sogar. Wenn ich mich nicht irre, hieß der Kommandeur Koroljow. Über seine Abteilung wurde sogar ein Buch mit dem Titel "Wenn der Zorn die Herzen verbrennt" geschrieben.

Wenn sich die Kriegsveteranen in den 60er und 70er Jahren am 9. Mai versammelten, um sich an den Krieg zu erinnern, nahmen sie meinen Großvater nicht in ihren Kreis auf, weil er, geboren 1927, in den Kriegsjahren noch zu klein war. Alles änderte sich, als mein Großvater vom KGB vorgeladen wurde, wo man ihm den Ausweis als Kriegsteilnehmer verlieh. Viele Menschen fragten ihn: "Sag mal, was hast du im Krieg gemacht?". Er wich gewöhnlich mit einem Scherz aus: "Ich habe ab und zu deutsche Züge in die Luft gesprengt".




Alle russischen Erinnerungen
Kriegsende-Banner für Ihre Website

Dies ist ein Projekt von Russland-Aktuell, RIA Nowosti und Radio Echo Moskaus
Weitere Verwendung im Internet nur mit Quellenangabe und Link zu
kriegsende.aktuell.ru
© .RUFO; © RIA Nowosti