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Tagebuch - Russische Erinnerungen
Hinterland im Krieg: Viel Arbeit, spärliches Essen, kurzer Schlaf

Mein Großvater, Grigori Nikolajewitsch Bobkow, erzählt nicht gern vom Krieg. Und das umso weniger, als der Krieg für ihn ein ganz gewöhnlicher und eintöniger Krieg war. Keine Sturmangriffe, keine erbitterten Verteidigungskämpfe, keine Siegesparaden in europäischen Hauptstädten. Nur Arbeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, spärliches Essen, kurzer Schlaf und dann wieder Arbeit...

Die Familie siedelte in den 1920er Jahren nach Moskau über. In den 30er Jahren besuchte mein Großvater eine Berufsschule, dann ging er in einen Betrieb arbeiten und flog im örtlichen Aeroclub mit einem Segelflugzeug. Aber wegen eines Konflikts mit dem Instrukteur wurde er aus dem Club geworfen. Seine Altersgenossen absolvierten den Kurs vollständig und kamen, wie Großvater sagte, fast alle zu Beginn des Krieges, während erbitterter Luftkämpfe im Sommer 1941, ums Leben.

In Evakuation im Kreml von Kasan

Mein Großvater arbeitete in einem Flugzeugwerk im Moskauer Stadtteil Fili, das später nach Kasan evakuiert wurde. Die Arbeiter wurden im Kasaner Kreml untergebracht, weil kein anderer Platz vorhanden war. Das Essen war karg, aber es ging. Ein Teil der Lebensmittel wurde bei Einheimischen auf dem Markt gegen andere umgetauscht, um die Ration zu bereichern.

Im Winter, besonders wenn es zu kalt war, setzte man sich selbst gemachte Schutzmasken aus Plexiglas auf. Ihr oberer Teil wurde von der Mütze gehalten, während der untere Teil unter den Mantel gezwängt wurde. Ein halbwegs guter Schutz vor Gesichtserfrierungen war das.

Der Großvater erzählte auch, dass eines Tages im Betrieb Blech angeliefert wurde, nach allen Regeln verpackt und reichlich eingefettet. Einige besonders Hungrige versuchten, den Schmierstoff mit Brot zu essen. Natürlich kann ich nicht für die absolute Glaubwürdigkeit dieser Geschichte bürgen. Aber das verschafft eine Vorstellung davon, "wie alles dort war". Das erklärt auch, warum die ältere Generation eine so empfindliche Einstellung zu einfachem Brot hat.

Schikanen wegen 20 Minuten Verspätung

Die Qualität der Flugzeuge Pe-2, die das Werk produzierte, wurde wegen der Evakuierung nach Kasan und der Einberufung einer großen Zahl der Arbeiter an die Front schlechter. Trotzdem haben sie sich im Kampf gut bewährt. Und die Zahl der gebauten Maschinen wuchs ständig an.

Großvater erzählte auch von seinen Kontakten mit der "repressiven Maschinerie". Eines Tages verstauchte er sich auf dem Weg zur Arbeit einen Fuß und ging zum Arzt. Daher kam er 20 Minuten zu spät zur Arbeit. Der Grund wurde nicht anerkannt. Kriegszeit, Militärproduktion... Nach Darstellungen moderner Historiker hätte mein Großvater sofort bei lebendigem Leibe in die Erde eingegraben werden müssen. Aber er kam mit einem Verweis und einer Geldstrafe davon. Der Großvater zeigte auch ein altes abgewetztes Arbeitsbuch mit einer entsprechenden Eintragung aus dem Jahr 1942 vor.

Die wohl am positivsten gefärbte Erzählung des Großvaters über den Krieg war die Ankunft "sibirischer Divisionen" in Moskau, die er noch vor der Evakuierung nach Kasan erlebt hatte. "Kerngesunde Kerle, in Halbpelzen... bei einem Frost von minus 30 Grad laufen sie ohne Fäustlinge!"

Nach dem Krieg arbeitete mein Großvater als Technologe im selben Betrieb. Er kündigte erst vor ein paar Jahren, nach 65 Jahren Arbeit. Mein Großvater mochte gern Fußball gucken und angeln. Solange er noch gut sehen konnte und eine feste Hand hatte, bastelte er Radioempfänger. Eines Tages reparierte er aus Spaß seinen alten Fernseher der Marke KWN.

Bei den Alten Überleben und Siegen lernen

Was noch? Ich fragte meinen Großvater überhaupt nach seiner Zeit, nach der Staatsordnung und danach, ob es sich seiner Meinung nach in der UdSSR gut leben ließ. Großvater, der im Revolutionsjahr 1917 geboren wurde, zuckte nur mit den Schultern: Es gab nichts zu meckern.

Über die Repressalien sagte er: "Wer zu viel geplaudert hatte, der hat es denn auch abbekommen." Wer arbeitete, bekam sein Stückchen Brot und die Möglichkeit, seine Familie zu ernähren. "Der Kommunismus", lächelte Großvater, "ist eine ferne Zukunft. Da braucht man ein ganz anderes Bewusstseinsniveau."

Und überhaupt, jene Generation, die den Krieg gewonnen hat, das sind einfache Menschen, und ihnen sind viele unserer Gedanken, Taten und Pläne und Marotten genau so unverständlich wie wir Losungen wie etwa "Hinter der Wolga gibt es für uns kein Land" oder "Keinen Schritt zurück" nicht verstehen können.

Das sind einfache Menschen – Bauern und Arbeiter –, aber größtenteils ehrlich, edel, zuvorkommend und tapfer. Sie sind weise und gründlich. Ohne diese Eigenschaften hätten sie auch nicht gesiegt und würden wir nicht existieren.

Wir sind anders, wir wurden bereits in einer anderen Welt geboren. Mitunter haben wir ganz andere Interessen und Ideen. Aber wir müssen bei der älteren Generation lernen, um zu überleben und zu siegen.




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