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Tagebuch - Russische Erinnerungen
Juri Bogomolow: Dem Krieg entweichen

Der Krieg ereilte mich in der Stadt Leningrad, als ich fünf Jahre alt war. In meinem Gedächtnis blieben Bruchstücke der Ereignisse und Umstände haften. Doch auch an einige besondere Einzelheiten erinnere ich mich. Vater kam nach Hause, setzte sich an den Tisch und begann etwas aufzuschreiben. Ich verkroch mich unter dem Tisch, denn seine Stiefel weckten meine Aufmerksamkeit. Offensichtlich erschienen sie mir seltsam, so etwa, wie ein neues Spielzeug.

Dann verschwand mein Vater aus meinem Leben. An den Abschied erinnere ich mich nicht. Die Stiefel blieben jedoch wie ein Zeichen des Neuen, welches dann über mich, Großmutter, Mutter und meinen Cousin Jaschka (er war 6 Monate jünger als ich) hereinbrach.

Ein bedeutender Abschnitt meines unbewussten Lebens war die Evakuierung. Von dieser Odyssee blieb mir im Gedächtnis haften, wie wir uns zur Abreise versammelten. Ich erinnere mich an ein großes Einkaufsnetz voller Milchbrötchen für 40 Kopeken. Die aß ich am liebsten. An sie dachte ich während des ständigen Hungerns in der Evakuierung.

Bei der Evakuierung ging Mutter verloren

Wir fuhren in einem Güterwaggon. Auf einer der Stationen, von der mir Großmutter später sagte, es sei Tichwin gewesen, sah ich in der Waggontür Vaters Gesicht. Erst danach, als ich schon älter war, erklärte man mir, dass sein Truppenteil dort stationiert war. Da er wusste, dass wir hier durchfahren mussten, rannte er zu jedem Zug, der aus Leningrad kam und in Richtung Ural fuhr. Er schnappte nach jedem Gerücht über Züge, die in einen Bombenhagel geraten waren, und er litt mit den Menschen mit.

An die Bombardierungen selbst erinnere ich mich nicht. Ich weiß noch, wie der Zug plötzlich auf offener Strecke stehen blieb und wir nach allen Seiten auseinander rannten. Dann begriff ich: Alarm.

Der größte Kinderschrecken auf dieser Reise für mich war, als meine Mutter zurückgeblieben war. Auf einer der Stationen ging sie los, um Essen aufzutreiben; der Zug aber rollte an. Erst nach einigen Stationen holte sie uns wieder ein.

Drei Ereignisse aus Troizk

Vom Leben in der Evakuierung in der Stadt Troizk erinnere ich mich an drei Ereignisse. Das erste war, wie man uns ausraubte. Ich blieb mit meinem Cousin allein zu Hause. Wir schafften es nicht einmal, uns zu balgen, als es an der Tür klopfte. Wir öffneten sie. Herein kamen ein Mann und eine Tante. Sie gaben uns eine Praline, sammelten alle unsere Sachen in zwei großen Bündeln zusammen und verschwanden.

Das zweite Ereignis: Ich erholte mich allmählich von einer Lungenentzündung. Ich, der Kranke, bekam eine Tasse Sauermilch; Jaschka, mein gesunder Cousin, ging leer aus. Ich weichte Weißbrot in der Sauermilch auf und aß, bemüht, das Vergnügen so lange wie möglich auszukosten.

Das Vergnügen selbst ist mir entfallen. Ich erinnere mich aber an die Augen meines Cousins, mit denen er meine Sauermilch buchstäblich wegputzte. Ich erinnere mich, wie ich, wieder gesund, krank werden wollte.

Die schlimmste Erinnerung ist der Besuch von Tante Genja, Jaschkas Mama, die aus der Blockade von Leningrad zu uns nach Troizk kam. Mein Cousin konnte einfach nicht begreifen, dass das seine Mutter war. Sie sah entsetzlich aus: ein Wesen aus dem Jenseits. Wir begannen zu weinen, nicht aus Mitgefühl, sondern aus Angst, dass dieser menschliche Schatten mit uns leben würde.

Mama starb am Tag des Sieges im Jahre 1950

Sie pflegten Tante Gelja gesund und päppelten sie wieder auf... Lieber Gott, denke ich heute, wie viel Kraft muss es Mama gekostet haben, unsere ganze Bande auf ihrem Buckel durch die Evakuierung zu bringen. Sie wurde dadurch belohnt, dass Vater lebend und heil von der Front zurückkam. Doch das friedliche Leben wurde für sie dadurch nicht leichter. Bald nach dem Krieg erkrankte sie an Lungenkrebs. Vater und ich schleppten für sie Sauerstoffkissen heran: er in der Nacht und ich am Tage, die Schule versäumend.

Eines Tages wurde ich nicht geweckt, um in die Apotheke zu laufen. Noch nicht vollständig aus dem Schlaf erwacht, hörte ich wie Vater leise mit der Großmutter sprach. Das Schlimmste war eingetreten. Ich wollte einfach nicht wach werden. Mama verstarb am Tag des Sieges im Jahre 1950 im 37. Lebensjahr.

Aus der Evakuierung kehrten wir in einem Güterwaggon mit einem Kanonenofen zurück; an ihm verbrannte ich mich gleich am ersten Tag. Der Krieg war aber noch nicht beendet. Wir fuhren, wie mir meine Eltern später erzählten, ohne Genehmigung nach Hause, also illegal, denn wir befürchteten, dass andere sich in unserer Wohnung einnisten würden. Ich erinnere mich nur noch verschwommen an das Gepäck, welches wir mit uns führten: dazu gehörten flache Kisten, in denen Fensterscheiben verpackt waren.

Vater kehrt heim, es beginnt ein anderes Leben

Der Güterzug hielt zwei oder drei Kilometer vor dem Moskauer Bahnhof. Wir entluden unsere Sachen, denn bis zu unserem Zuhause am Newski-Stadttor war es nur noch einen Steinwurf weit. Als wir die fünf Stockwerke hochgestiegen waren und die Wohnung betraten, begriff ich, warum wir die Fensterscheiben mitgebracht hatten: Von den Fenstern waren nur noch die Rahmen übrig geblieben.

Ein Jahr später kehrte Vater heim. Im Krieg war er Pionier. Er beging keine Fehler und blieb am Leben. In Friedenszeiten baute er Raketenübungsplätze. Ihm sind Kapjar und Plissezk zu verdanken.

Als wir uns das erste Mal nach dem Krieg sahen, achtete ich schon nicht mehr auf seine Stiefel. Ich war herangewachsen und hatte inzwischen ein anderes Wahrnehmungsvermögen im wahrsten Sinne des Wortes: Ich schaute auf die Sterne auf seinen Schulterstücken und auf die Orden und Medaillen auf der Brust. Ich war ein anderer Mensch geworden. Aber Vater auch. Und es begann ein anderes Leben.




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