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Tagebuch - Russische Erinnerungen
Dmitri Kanewski: Prüfung durch den Krieg

Meine Großmutter Jelena Moissejewna Rajsman (1912 - 2002) wurde in der Stadt Jelisawetgrad in der Ukraine geboren. Den Krieg kannte sie nicht nur vom Hörensagen. Ihre Generation wird "Kriegsgeneration" genannt. Sie musste viel erleben und ertragen: die Pogrome in Kiew, die Hungersnot der 30er Jahre, aber die schwerste Prüfung war für sie der Große Vaterländische Krieg.

Er überraschte meine Oma und ihre Familie in Odessa, in ihrer gemütlichen Wohnung unweit des Operntheaters. Wie Großmutter mir erzählte, hatte damals kaum jemand daran geglaubt, dass es einen Krieg geben werde. "Ist es denn die Möglichkeit, dass die Deutschen, die uns in Kiew (in den Jahren des Ersten Weltkriegs) so galant behandelten, kommen, um uns zu töten?" fragte sie verwundert.

Unsere Familie lebte ein normales alltägliches Leben, schmiedete Pläne für die Zukunft, und nur meine Urgroßmutter sah die furchtbaren Ereignisse jener Jahre voraus.

Bis heute muss ich an die Erzählungen meiner Großmutter über die Bombardierung von Eisenbahnzügen, verwundete Soldaten, die Entbehrungen und Leiden der Kriegszeit denken. Während der Evakuation verschonten gegnerische Flugzeuge auch ihren Lazarettzug mit einem Glasdach nicht. Die Glassplitter verursachten mehr Wunden als der Bombenangriff, und Großmutter half den Verwundeten und operierte sie.

In die Evakuation ins Uralgebiet kam sie ohne Gepäck, das verschwunden war. Sie besaß nur das Kleid, das sie gerade anhatte. Mein Urgroßvater Moissej Davidowitsch arbeitete in jener Zeit in einem Militärlazarett in Rjasan.

Meine Mutter wurde schon in der Evakuation, in der fernen Stadt Schadrinsk jenseits des Ural geboren. Dann lebte man lange Jahre in Nord-Kasachstan. Frost, gehacktes Holz zum Heizen und unübersehbare, schneebedeckte Weiten: Das blieb im Gedächtnis der Großmutter von ihrem Leben in Kasachstan. Dann zog die Familie von Stadt zu Stadt: Rjasan, Uljanowsk, Jewpatorija, um nur einige zu nennen.

Erst nach Jahren konnte meine Familie zurückkehren. Aber der Weg nach Odessa war versperrt. In unserer Odessaer Wohnung wohnten ganz fremde Menschen. Am meisten trauerte meine Großmutter ihrem verlorenen Flügel nach, der entweder gestohlen oder während des Krieges konfisziert worden war. Einen neuen Flügel sollte sie nie wieder bekommen.

Das neue Leben begann für die Familie in der Stadt Kirowograd. Die Nachkriegsjahre waren nicht leicht für die Familie. Besonders schwer hatte es der Großvater. Der Krieg nahm ihm beinahe alle Angehörigen. Nach dem Krieg wurde mein Großvater, ein Major des medizinischen Dienstes und stellvertretender Chef eines Militärlazaretts, mit der Medaille "Für die Verteidigung von Moskau" ausgezeichnet.

Die Kindheit meiner Mutter fiel in die schweren Nachkriegsjahre. Es gab damals kein einziges Kind, dessen Familie vom Krieg verschont geblieben wäre. Armut und Beschränkungen waren in der Nachkriegszeit für die Kinder jeder Familie typisch. Ein wenig Obst, ein primitives Spielzeug aus Holz und ein Abenteuerbuch: Das war praktisch alles, was in jenen Jahren ein Kind erfreuen konnte. Das Land heilte die vom Krieg geschlagenen tiefen Wunden.

Es ist bald drei Jahre her, seit meine Großmutter gestorben ist. Zusammen mit ihr sind auch jene einzigartigen, wahrheitsgetreuen Geschichten aus den Kriegsjahren verloren gegangen, die ich jetzt ohne großen Erfolg in meinem Gedächtnis aufzufrischen versuche. Ich erinnere mich nur an das von ihr entworfene Bild der verbrannten Züge, der Gesichter von Soldaten, der Freude des Sieges. Es war meiner Großmutter nicht beschieden, den 60. Jahrestag der Beendigung des Krieges zu erleben, aber das Andenken an sie und ihr Leben voller Tränen und Tragödien lebt in mir fort.




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