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Tagebuch - Russische Erinnerungen
In ihrer ganzen Kindheit träumte Mutter von der Heimkehr ihres Vaters

"Meine sehr geehrte Gemahlin Frossja, und auch Ihr, meine lieben Kinder Lida und Sina! Es grüßt Euch Euer Gemahl und Vater. Frossja, in wenigen Tagen gehen wir an die Front, wo ich mit der Waffe in der Hand meine Heimat gegen die faschistischen Okkupanten verteidigen werde..."

Behutsam halte ich die alten, vergilbten Blätter in der Hand. Die erbarmungslose Zeit hat sie nicht verschont: Die Faltlinien haben sich in tiefe "Furchen" verwandelt, die ausgeblichene Tinte und abgewetzte Stellen haben einige Wörter "verschluckt". Diese Blätter sind Briefe meines Großvaters an meine Großmutter.

Ein paar Blätter und wenige Fotos: Das ist alles, was uns vom Großvater geblieben ist. Er kam Anfang 1942 um, hinterließ meine 29-jährige Großmutter als Witwe und ihre einjährige Tochter, meine Mutter, als Waise.

In ihrer ganzen Kindheit träumte meine Mutter davon, dass ihr Vater aus dem Krieg kommen werde. Sie rannte zu einer in der Nähe gelegenen Militärschule, um den Posten vor dem Eingang zu sehen: Ihr schien, dass einmal ihr Vater dort stehen werde. Das kleine Mädchen konnte sich nicht mit dem Gedanken aussöhnen, dass alles, was ihr vom Vater geblieben war, nur einige karge Briefzeilen waren:

"31. Dezember 1941, der letzte Tag des laufenden Jahres. Meine teure Frau Jefrossinja, ich grüße Dich auf das zärtlichste und küsse meine liebe Tochter Sina und auch Lida ... Ich weiß nicht, wie es Euch dort geht, wie das Töchterchen Sina aussieht, von der ich sehr oft träume ..."

Vorsichtig glätte ich die Blätter. Jede Zeile darin ist mir bekannt, ich las sie als Schülerin und als Studentin, diesmal aber habe ich sie wieder hervorgeholt, weil mein Sohn in der Schule einen Aufsatz zum Thema "Brief von der Front" schreiben soll.

Da sitze ich, blättere in den vergilbten Familienschätzen, lese mich an so mancher Stelle fest - und plötzlich kommt mir die Erkenntnis, dass ich bereits älter als mein Großvater bin...

"Im Moment wohne ich in der Kaserne, was mir nicht gefällt, es gibt nur ganz wenig ebenso betagte Leute wie mich, fast alle sind jung, Jahrgang 1922 - 1923..."

Mein Großvater, Fjodor Grigorjewitsch Meschtscherjakow, wurde 1905 in Moskau geboren. Seine Mutter, meine Urgroßmutter, arbeitete ihr Leben lang in der Trjochgornaja-Manufaktur und nahm an der Revolution von 1905 teil. Sie gebar drei Söhne - Nikolai, Iwan und Fjodor - und zwei Töchter, Jewdokija und Marija. Alle drei Söhne waren im Krieg gefallen, die Töchter aber erreichten ein hohes Alter.

"Frossja, wo wir endgültig stehen bleiben, weiß ich noch nicht: Wir bewegen uns auf die Stadt Murom zu, bis dorthin sind noch 90 Kilometer zu bewältigen. Geplant ist, dass wir am 23. November ankommen..."

Mein Großvater war Meister in einem Industriebetrieb. Er heiratete spät, und sein einziges Kind war meine Mutter, Sinaida Fjodorowna. Sie kam genau drei Monate vor Kriegsbeginn, am 21. März 1941, zur Welt.

Der Betrieb wurde - samt allen Dokumenten des Großvaters - evakuiert. Aus familiären Gründen musste Großvater in Moskau bleiben. Aber ohne Dokumente hatte er zur Kriegszeit nur eine Möglichkeit: sich freiwillig zur Armee zu melden.

So kam er in den Krieg. Die Angaben über ihn sind karg, es sind keine Dokumente erhalten geblieben, und von den älteren Meschtscherjakows ist keiner mehr am Leben.

"Frossja, morgen ist Neujahr. Ich wünsche Dir alles Gute im neuen Jahr, viel Glück, viel Gesundheit und möchte nichts so sehr, als dass Ihr ein gutes und glückliches Leben habt..."

Aus irgendeinem Grund höre ich aus diesen Zeilen den Abschied von den Angehörigen heraus.

Mutter erinnert sich nicht mehr an das genaue Geburtsdatum ihres Vaters und weiß nicht mehr genau, wo er umgekommen ist. Mein Großvater hatte keine Kriegsauszeichnungen, er nahm keine Städte ein, war kein Aufklärer, erstürmte den Reichstag nicht. Er war einer der Millionen, die ihr Leben für die Freiheit des eigenen Volkes hingaben. Er fiel bei der Verteidigung von Moskau, weil er seine Stadt und seine Familie schützte. Mein Großvater erfüllte seine Pflicht ehrlich - und sein Andenken wird uns immer teuer sein.

Der letzte Brief, der bei uns erhalten ist, ist auf den 11. Februar 1942 datiert (Stadt Noginsk, Dorf Uspenskoje):

"... und gehe ich auf einer vorgegebenen Marschstraße - Chaussee Entusiastow - zu Fuß. Sobald ich an Ort und Stelle bin, wird man uns wahrscheinlich einkleiden, eingliedern und uns eine Waffe geben, mit der wir dann kämpfen werden, um unsere Heimat und das geliebte Moskau zu verteidigen..."

Eingesandt von Olga Schurawljowa





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