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Tagebuch - Russische Erinnerungen
Der Violinschlüssel

Das menschliche Gedächtnis, das mitunter Ereignisse, die erst vor kurzem geschehen sind, verdrängt, bewahrt sorgfältig die Eindrücke und Gestalten aus der Vergangenheit, die durch etwas kaum Greifbares wertvoll sind. Dieser Art sind Familiengeschichten. Wir behalten mitunter etwas im Gedächtnis, dessen Augenzeugen wir nicht gewesen sind und das wir lediglich aus den Erzählungen der Eltern und Großeltern kennen.


Ich habe Ljowik Chandamirow, meinen Onkel zweiten Grades, nie gekannt. Und ich konnte ihn nicht kennen, denn zu der Zeit, da er als Zwanzigjähriger gefallen war, war meine Mutter erst sieben Jahre alt. Seine Geschichte ist mir aber sehr teuer, wenngleich ich sie nur aus Fragmenten der Erinnerungen meiner Mutter kenne.

Auf diese Weise siedelt sich die Weltgeschichte, die Geschichte unseres Landes ganz in unsere Nähe an. Sie lebt in unseren Häusern, in den alten Alben, in denen wir so selten blättern, und in unseren Seelen weiter.

Die Geschichte ist lebendig, solange unsere Erinnerungen lebendig sind.

Als Hitler am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfiel, rechnete er darauf, schnell bis Moskau marschieren, es einnehmen und so unser Volk in die Knie zwingen zu können. Das deutsche Oberkommando bereitete ein grandioses Fest vor, es wurde sogar das Material gewählt, aus dem im Zentrum der besiegten Stadt ein Monument zu Ehren der Einnahme von Moskau errichtet werden sollte. Die Offiziere der Wehrmacht bestellten neue Uniformjacken für die baldige Parade auf dem Roten Platz... All das erwies sich jedoch als unnütz. Den Weg versperrten ihnen Studenten und Arbeiter, Ingenieure und Musiker - alle, die zur VOLKSWEHR gekommen waren.

Am 16. Oktober 1941 trat der Absolvent des Moskauer Konservatoriums, Lew Chandamirow, ungefähr zehn Minuten vor Mittag aus dem Gebäude des Theaters der Revolution (später das Majakowski-Theater), wo er als Orchestermusiker etwas Geld verdiente, auf die damalige Herzenstraße hinaus und begab sich mit schwingenden jungenhaften Schritten zum Konservatoriumsgebäude, das sich in der gleichen Straße befand. Zuvor hatte er sich vor dem Theater mit seiner Braut, Jelena Tartakowskaja, getroffen.

Wer kann sich heute noch daran erinnern, dass der zwanzigjährige Lew Chandamirow, der soeben das Konservatorium absolviert hatte, eine Hoffnung der Moskauer Violinschule gewesen ist? Er lebte nämlich seit sehr kurzer Zeit in Moskau, stammte nicht aus Moskau, sondern war, wie man heute sagen würde, „eine Person kaukasischer Nationalität". Auf ihn wurde aber übrigens der große Alexander Goldenweiser, Direktor des Moskauer Konservatoriums, Komponist und Musikforscher, der mit Lew Tolstoi, Skrjabin, Rachmaninow und Tanefew befreundet war, aufmerksam. In den Vorkriegsjahren war er Hauptreformer der einheimischen musikalischen Bildung. 1931 entstand die Schule junger Talente beim Konservatorium (später wurden solche Schulen auch bei den Konservatorien der Unionsrepubliken gegründet). In diesen Schulen versammelte man solche begabten Jungen und Mädchen wie Ljowik aus der ganzen Sowjetunion. 1942 gab Alexander Goldenweiser den Posten des Direktors des Konservatoriums auf, aber damals, Ende 1941, verknüpfte man mit seinem Namen den Begriff "musikalischer Maestro von Moskau".

„Worüber wird man wohl in der heutigen Versammlung sprechen? Natürlich über den Krieg. Kannst du dich noch erinnern: Wir spielten gerade die Abgangskonzerte, als im Juni der Krieg begann... Damals dachten aber alle: Der Krieg würde in einer oder zwei Wochen zu Ende gehen. Das Leben wird wieder ins rechte Gleis kommen. Wie heimtückisch hat sich doch Hitler gezeigt! Es war doch ein Nichtangriffspakt unterzeichnet... Wozu brauchen wir diesen Krieg? Das Leben in unserem Land war doch so schön, bald sollte der Kommunismus, das allgemeine Glück einziehen", redete Ljowik ununterbrochen auf dem Wege zum Konservatorium. Lenotschka, die mit ihm kaum Schritt halten konnte, flocht ab und zu ein paar Worte in seinen aufgeregten Monolog ein. „Unsere Truppen werden die Deutschen bald zerschlagen", das Mädchen blickte in die Augen des Bräutigams, als würde sie darin eine Bestätigung für ihre Gewissheit suchen. Dieser winkte begeistert mit dem Kopf - schon an der Schwelle der Alma Mater: „Selbstverständlich, die Rote Armee ist doch allen überlegen! Ich bin natürlich kein Krieger, habe nie etwas Schwereres als die Violine in der Hand gehalten, seit ich in der Kindheit - du kannst dich doch ganz bestimmt noch daran erinnern - das Schlüsselbein ausgerenkt habe. Aber, wenn nötig, werden wir, Karik, Arik und ich, unbedingt an die Front fahren, dort Konzerte geben, eine Frontmusikerbrigade bilden..."

Die Versammlung, zu der Ljowik so sehr eilte und leider zur rechten Zeit kam (offensichtlich war das sein Los), war aber gar nicht der Bildung von Konzertbrigaden gewidmet. Das Moskauer Konservatorium stellte auf Befehl des Obersten Befehlshabers, ebenso wie alle hauptstädtischen Hochschulen, eine Volkswehr auf. Als Ljowik den Raum betrat, hielt gerade Professor Djakow eine Ansprache.

Dem auffallenden, jungen, talentierten Pädagogen Abram Djakow, bei dem Ljowik studierte, vertraute er mehr als sich selbst. Djakow stand auf der Tribüne und sprach aufgeregt: „Das Persönliche - in den Hintergrund... sich selbst... Familie, Romane, Liebe und sogar", Djakow betonte jede Silbe, als begreife er, dass es einer Gotteslästerung gleich kam, "die Musik vergessen".

„Folglich werden wir, Lenotschka, zu Neujahr nicht zu meiner Mutter nach Baku fahren können. Dabei wollten wir ihr eine Überraschung bereiten und feierlich erklären, dass wir bald heiraten werden. Oder wird es doch klappen, für zwei oder drei Tage?", so kommentierte Ljowik leise, als setzte er sich mit sich selbst auseinander und wollte sich vor Lenotschka entschuldigen, das soeben Gehörte.

Djakow fuhr aber indessen fort: „Unsere heldenmütige Armee, die stark und tapfer ist, ist dem Feind zahlenmäßig unterlegen. Und Genosse Stalin, unser Führer und Lehrer, ruft alle auf, die Waffe in die Hand zu nehmen und sich freiwillig zur Volkswehr zu melden!"

Das waren die letzten, schlagartigen Worte der Ansprache von Djakow. Als erfahrener Musiker hatte er seine Rede geschickt, nach den Gesetzen der Komposition aufgebaut.

Ljowik gehörte zu den ersten, die sich freiwillig zur Volkswehr gemeldet hatten.

Natürlich hätte man sich nicht zur Volkswehr melden brauchen. Alle Absolventen des Konservatoriums hatten eine Freistellung vom Wehrdienst. Unter ihnen auch die drei Freunde aus Transkaukasien. Sie - Ljowik und Karik aus Baku und Arik aus Jerewan - wohnten in einem Zimmer im Studentenwohnheim des Konservatoriums. Zwei von ihnen wurden später zu sehr bekannten Persönlichkeiten in der Musikwelt. Karik - das ist Kara Karajew, einer der angesehensten zeitgenössischen aserbaidschanischen Musiker, Verfasser von mehreren Sinfonien und Balletten. Arik - Arno Babadschanjan, talentierter sowjetischer Komponist, der Unterhaltungsmusik verfasste. Alle können sich ganz bestimmt noch an sein Anfang der 70er Jahre populäres Lied „Schönheitskönigin" erinnern. Der dritte... der dritte wurde aber vermisst.

Ja, Kara Karajew und Arno Babadschanjan standen damals ebenfalls nicht abseits - sie traten im Bestand von Frontbrigaden mit Konzerten vor Soldaten auf. Jeder machte seine Arbeit so, wie er es für richtig befand. Arno geriet sogar in der Mitte des Krieges in die Einsatzarmee und kämpfte tapfer. Etwas früher, im November desselben Jahres 1941, waren Künstler in das 127. Infanterieregiment der Roten Armee, dem die Volkswehrbrigade, in der Ljowik bei Smolensk diente, zugeteilt wurde, gekommen. Unter ihnen befand sich auch der junge Pianist Arno Babadschanjan. Die Begegnung war hastig. Ljowik kam zu Arik gelaufen, die eine Wange rasiert, die andere eingeseift. Er umarmte den Freund, sprach verworren - bei ihm sei alles in Ordnung, er habe es fast schon gelernt, zu kämpfen... Er schrieb ein kleines Zettelchen an seine Mutter, nach Baku. Arno sollte es in Moskau in einen Briefkasten stecken, damit die Mutter nicht dahinter käme, dass der Sohn an der Front ist.

Aber schon ungefähr eine Woche später ging im Moskauer Konservatorium die Nachricht ein, dass die Einheit, in der Ljowik diente, bei Smolensk eingekreist worden war. In den Bombentrichter, in dem sich einige Soldaten, unter ihnen auch Ljowik, versteckt hatten, schlug eine neue Bombe ein. Das wird Arno, der gleich nach Kriegsende nach Baku kommen wird, der Mutter von Ljowik erzählen.

Es gibt auch heute noch keine dokumentarischen Bestätigungen dafür, dass Lew Chandamirow gefallen ist. Anna Lwowna, Mutter von Ljowik, erhielt bis zu ihrem Lebensende (sie starb Mitte der 70er Jahre) keine Papiere, die den Tod des Sohnes bestätigt hätten, keine Information darüber, wo er begraben worden ist. An verschiedene militärische Instanzen hatte sie wiederholt Gesuche gerichtet und sogar einen Brief an Stalin geschrieben. Die Antwort (dabei immer vom Bakuer Stadtwehrkommando) war immer gleich: „Im Kampf für die sozialistische Heimat, treu dem Fahneneid, Heldenmut und Tapferkeit bekundend..." - das war auf einem Standardformbogen getippt und weiter handgeschrieben: „... im Dezember 1941 vermisst".

Von den Angehörigen der Moskauer Volkswehr von 1941 ist so gut wie keiner am Leben geblieben. Das waren militärisch schlecht geschulte, am häufigsten mit vorsintflutlichen Waffen ausgerüstete, praktisch zivile Menschen, die Moskau wie ein lebendiger Schild verdeckt hatten. Während aber Studenten, Ingenieure, Dichter, Musiker und Arbeiter auf den verschneiten Feldern bei Moskau fielen, rückte die Verstärkung aus Sibirien an unsere Hauptstadt heran: Die reguläre Rote Armee sammelte Kräfte, um den Feind zurück zu schlagen. Zwanzigjährige haben die Schlüssel von unserer Stadt in ihren noch nicht kräftigen Händen festgehalten.

Diese Geschichte hat Konstantin Isaakow, Moskau, Russland, eingeschickt



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