Ein Projekt von: aktuell.ru, RIA Nowosti und Echo Moskaus
Tagebuch - Russische Erinnerungen
Nach dem Ende der Blockade und dann des Krieges, glaubten die Schwestern nicht an den Sieg. Sie hungerten wie gewohnt.

Nach dem Tod von Tante Tosja im Jahre 1988 endete für uns der Krieg. Tante Tosja, die leibliche Schwester meiner Großmutter, war am 9. März 1923 geboren worden. Aber nach dem Sieg beging sie ihren Geburtstag ständig am 9. Mai. Dieser Feiertag prägte sich mir durch die obligatorischen Lieder aus der Kriegszeit in der Interpretation Ljudmila Gurtschenkos und die Besuche auf dem Piskarjowskoje-Friedhof ins Gedächtnis ein.

Damals schien es mir sonderbar, dass wir am Geburstag den Friedhof besuchten, über dem sich die strenge Mutter-Heimat erhob. Ich belustigte meine Mutter sehr stark dadurch, dass ich dachte, dass die Mutter-Heimat eine sehr große Frau ist, wenn man ein so majestätisches Denkmal für sie errichtet hatte.

Meine Großmuter ist sieben Jahre jünger als Tante Tosja. 1941 war sie elf Jahre alt. Damals lebten die Schwestern in einem „Nonnenkloster" - in einer kommunalen Mehrparteienwohnung in der Watutin-Straße in einem Arbeiterbezirk. Die Mädchen hatten verschiedene Väter. Der Vater von Tante Tosja ließ sich von meiner Urgroßmutter Domna fast gleich nach der Geburt des Kindes scheiden. Über sein weiteres Schicksal wussten wir nichts. Der Vater meiner Großmutter Sina starb 1939. So dass die Schwestern mit der Mutter und der Großmutter lebten, die vor der Revolution in einer herrschaftlichen Familie Köchin gewesen war. In der Mehrparteienwohnung lebten noch einige Frauen. Die Großmutter erzählte, dass dies eine sehr einträchtige Wohnung gewesen war.

Als der Krieg begann, brachte man meine Großmutter zu einem Evakuierungszug, aus dem sie absprang, sobald der Zug abfuhr.

Zwei Tage lang versteckte sie sich in Kellerräumen, damit man sie nicht erneut zu einem Zug brächte, um sie nach dem sonnigen Kasachstan zu schicken. Später kehrte sie in die Watutin-Straße zurück. Dann begann die Blockade.

Als erste starb meine Ururgroßmutter.

Die Herrschaften, bei denen sie gedient hatte, hatten ihr viele alte Sachen gegeben. Darunter einen fast neuen Fuchspelzkragen. Alle geschenkten Kleider versteckte meine Großmutter in einer Truhe, die im Korridor stand, weil es im Zimmer keinen Platz für sie gab. Die Großmutter schlief darauf, damit man den Inhalt nicht stiehlt. Zunächst sträubte sie sich dagegen, dass Sachen aus der Truhe verkauft werden. Aber nach und nach erklärte sie sich damit einverstanden.

Für den Fuchspelzkragen bekam Tante Tosja Brot und ein nicht ganz frisches Huhn.

Sie erzählte, dass die Großmutter später auf ihrer Truhe von Molochowez-Rezepten geträumt hatte. Sie war eine schwerfällige Frau, konnte wirklich gut kochen, und Wachteln wechselten im Traum vor ihren Augen mit Waldschnepfen. Das nicht frische Huhn wurde längst von allen Mietern der Kommunalwohnung aufgegessen.

Die Ururgroßmutter starb nach dem Jahreswechsel. Man brachte sie mit einem Schlitten zum Friedhof. Als wir nach Hause zurückkehrten, sahen wir, dass die Truhe gestohlen worden war. Es war natürlich unmöglich, zu begreifen, wer sie gestohlen hatte. Vielleicht Nachbarn und vielleicht noch jemand, denn man konnte die Wohnungstür mit einem Nagel öffnen.

Fast gleich nach dem Tod der Mutter starb auch Domna. Tosja und Sina blieben zu zweit. Tante Tosja arbeitete in einem Krankenhaus. Meine Großmutter erzählte mir, wie der Chefarzt dieses Krankenhauses, der während der ganzen Zeit der Blockade seine goldene Uhr und den gut gepflegten Bart getragen hatte, Tante Tosja einen Topf mit Suppe gegeben, sie aber nicht von der Arbeit weggelassen hatte. Deshalb ging meine elfjährige Großmutter durch die halbe Stadt und trug auf ausgestreckten Händen diesen Schatz.

Ringsum sprengte und donnerte etwas. Es gingen Menschen, die sich an Wänden hielten. Die Großmutter erinnerte sich das ganze Leben an diese Episode und begriff nicht, wie es ihr damals gelungen war, nach Hause zu kommen. Die vorbeigehenden Menschen waren in ihre eigenen Gedanken versunken. Und das hatte sie damals gerettet.

Die Suppe wurde wiederum von allen in der Kommunalwohnung aufgegessen.

Dann hörte auch die Liebenswürdigkeit des Chefarztes auf. Es gab absolut nichts zu essen. Für ein kleines Stück Brot, das Tante Tosja wie durch ein Wunder beschaffte, nannte man sie eine Hure. Meine Großmutter nahm überhaupt selten Anstoß an Ausdrücken, wenn sie mir von der Blockade erzählte. Und Tante Tosja betete sie bis zum Tod der älteren Schwester an.

Meine Großmutter erinnerte sich daran, dass eines Tages ein Lastkraftwagen vor ihrem Haus stehengeblieben war. Er hatte eine Zeitlang gestanden, auf jemanden gewartet und war dann weggefahren. Die schlecht geschlossene Tür des Aufbaus hatte sich durch das plötzliche Anfahren weit geöffnet, und in den Schnee war eine Kiste mit „Belomor" oder sonstigen Zigaretten gefallen. Das war ein Wunder wie Himmelsmanna gewesen. Die Zigaretten hatten die Schwestern schon mit niemandem geteilt. Sie hatten sie selbst geraucht, um sich zu erwärmen, und einen Teil davon gegen Brotkrumen getauscht.

Eines Tages gerieten die Großmutter und ihre Freundin in einen Bombenangriff.

Sie befanden sich im Nachbarhof und hatten Angst, nach Hause zu gehen. Die Mädchen versteckten sich unter dem Vorbau und saßen dort einige Stunden. Die Großmutter sagte, dass ihnen zugleich bange und fröhlich zumute gewesen war.

Nach diesem Bombenangriff ereignete sich das zweite Wunder. In der Kommunalwohnung verteilte man Leimsülze. Tante Tosja erzählte, dass jene wenigen Männer, die während des Krieges im Hof verblieben waren, viel früher als die Frauen gestorben waren. Der große Hof verwandelte sich überhaupt in ein Frauenreich. Im Hof lagen Leichen gestappelt, denn es gab keine Kräfte, um sie zum Friedhof zu bringen. Nur eine Familie hatte einen Schlitten. Aber auch der wurde im Ofen verbrannt.

Nachdem die Blockade gebrochen worden und dann der Krieg zu Ende gegangen war, glaubten die Schwestern nicht an den Sieg. Sie hungerten wie gewohnt.

Nach wie vor huschten sie durch die Stadt hin und her. Nachdem die erste Frau in einem farbenprächtigen Kleid in ihrer Kommunalwohnung erschienen war, begriffen sie, dass der Krieg tatsächlich zu Ende war.

Danach schien es, dass wieder ein normales Leben einkehrte. Aber von den ständigen Erinnerungen an den Hunger bewegt, suchten beide Schwestern Arbeit in einem Lebensmittelgeschäft.

Seit jener Zeit waren für mich die besten Nachtmärchen die Erzählungen der Großmutter darüber, welche Pralinen man in der Süßwarenabteilung verkauft hatte. Sie erinnerte sich an jede Bezeichnung und jedes Wickelpapier.

Tante Tosja starb an Krebs. In den 70er Jahren entfernte man ihr die Gebärmutter mit der zynischen Bemerkung: „Warum haben Sie sich nicht geschont?“ In den 80er Jahren verbreiteten sich die Metastasen schon über den ganzen Körper. Sie starb allein im Metschnikow-Krankenhaus, im Reanimationsraum. Man ließ weder die leibliche Schwester noch die Nichten zu ihr.

Großmutter Sina starb zwei Wochen vor ihrem 70. Geburtstag. Bis zum letzten Tag trank sie Alkohol und rauchte Zigaretten der Sorte „Belomor".

Die Geschichte wurde von Tante Glotja eingeschickt






Alle russischen Erinnerungen
Kriegsende-Banner für Ihre Website

Dies ist ein Projekt von Russland-Aktuell, RIA Nowosti und Radio Echo Moskaus
Weitere Verwendung im Internet nur mit Quellenangabe und Link zu
kriegsende.aktuell.ru
© .RUFO; © RIA Nowosti