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Tagebuch - Russische Erinnerungen
Mit zunehmendem Alter gab es in den Erzählungen von Großvater immer weniger Prahlerei

Meine geliebte Dussitschka, es drängt mich, Dir eine Freude zu bereiten, und Dir aus Anlass des Tages des endgültigen Sieges über das faschistische Deutschland zu gratulieren. Es war uns das große Glück vergönnt, liebste Dussitschka, den schweren und gefährlichen Weg des Krieges zurückzulegen, mit der Waffe in der Hand den Tag des endgültigen Sieges zu erleben, lebend diese frohe, lang ersehnte Stunde zu begehen, aus voller Soldatenbrust tief Luft holend.

Ich stelle mir vor, wie unsere Heimat jubeln wird, wenn sie erst die Nachricht erreicht hat. Nach dieser Nachricht hatte sich das doch ganze Volk gesehnt, die gesamte Menschheit. Und nun wurde sie Wirklichkeit. Jetzt, meine Liebste, können wir aus ganzem Herzen unsere Begegnung herbeisehnen. Jetzt bleibt nur ein einziger Traum: Wären wir doch schon in Russland, so schnell wie möglich zu Hause, bei meinem geliebten Mädchen Dussja!

Nun wünscht man sich wie noch nie zuvor, dass Tage und Nächte wie im Fluge vergingen: näher dem Haus, kurz vor dem Wiedersehen. Man möchte wieder das friedliche, das fröhliche, das normale Leben in vollen Zügen genießen, das Leben des normalen Zivilisten.

Heute begehen wir den Tag des Sieges. Wir spazieren angeheitert durch ein kleines, verlassenes deutsches Dorf. Ringsum grünt es, Blumen überall und eine wundervolle Natur und herrliches Wetter. Und der schöne Abend, und mein Freund spielt Harmonika. Man möchte an etwas Schönes denken, an Vertrautes: Genauer, ich denke an Dich, Dussitschka.

Mit Vergnügen würde ich noch einmal Deine alten Briefe lesen, mit mir geführt über nicht nur Tausend Kilometer, niemals auch nur für eine Stunde aus den Augen gelassen, habe ich doch keine neuen. Doch leider, sie verbrannten zusammen mit dem Marschgepäck in einer Kampfesnacht kurz vor dem Monat Mai. Es tut mir so leid um die Kampfesgefährten, besonders um meine schwer verwundeten dicken Freunde Jurka Moskwitsch und Iwan Fjdorowitsch Kowalenko.

Mehr als zwei Jahre kämpften wir gemeinsam, trugen alles gemeinsam.

Meine Allerliebste, schreib mehr von Dir, ich warte auf Deine Briefe. Auf Wiedersehen! Ich küsse Dich von ganzem Herzen. Viele Grüße, Dein Leonid.
9. Mai 1945

Mit 18 Jahren verließ Leonid Slapogusow die Fachschule der Stadt Gorki und ging an die Front.

Den ganzen Krieg über diente er: Er kämpfte im Kursker Bogen und focht an der zweiten belorussischen Front unter Rokossowski... Nach seiner Rückkehr, hoch dekoriert, beendete er die Polytechnische Hochschule und wurde als ein Mann mit Perspektive als Chefingenieur an eine Maschinen- und Traktoren-Station zur Arbeit entsandt.

Dussitschka trug ihren Anteil zum Sieg im Hinterland bei, immer in Erwartung ihres Soldaten. 1947 heirateten sie endlich. Ein Jahr später erblickte ein Sohn das Licht der Welt: mein Vater. Nun ist die Geschichte auch die meines Lebens.
In den letzten Jahren seines Lebens krankte mein Großvater, Leonid Michailowitsch Slapogusow, viel. Die alten Wunden machten ihm zu schaffen. Oft sprach er vom Krieg.

Er sagte, dass er mitunter vergessen kann, welches Datum wir heute haben und welcher Wochentag ist, doch den Großen Vaterländischen Krieg kann er nicht vergessen. Er erinnert sich an jeden Tag, als wäre alles erst gestern gewesen.

Mit dem Alter verschwand aus seinen Erzählungen immer mehr Prahlerei. Er sprach von den Schrecken des Krieges, darüber, wie seine Kameraden fielen, wie schwer es ist, zu töten, und welche Entbehrungen man auf sich nehmen musste.

Bei seinen Erzählungen über den Kursker Bogen, wo die Menschen über drei Monate bis zur Hüfte im Sumpf steckten, konnte er die Tränen nicht unterdrücken ("Wenn man mir gesagt hätte, dass der Mensch so etwas aushalten kann, ich hätte es niemals geglaubt.") Ein Jahr später weilte er nicht mehr unter uns...

Zum ersten Mal begehen wir den Tag des Sieges ohne ihn. Mit seinem Brief an die geliebte Dussitschka, die bald 80 Jahre alt wird, und den alten Fotografien.


Die Geschichte wurde eingesandt von Julia Slapogusowa, Moskau, Russland





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