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Tagebuch - Russische Erinnerungen
Militärzüge fahren gen Osten

Ich habe meinen Großvater nie gesehen. Ich weiß nur, dass er im Sommer 1941 an die Front gegangen war, weiß aber nicht, wann er ums Leben kam und wo er beigesetzt ist. Eben deshalb habe ich es in der Schule nie gemocht, einen Aufsatz zum Thema "Mein Großvater" zu schreiben. Auf meine Fragen hin nannte Großmutter immer wieder verschiedene Städte und verschiedene Todestage. Manchmal erzählte sie, dass sie 1943 eine Benachrichtigung über seinen Tod erhalten hatte. Manchmal zeigte sie mir ein schmuddeliges Papierstück und sagte, das sei eine Vermissten-Benachrichtigung. Aber niemals durfte ich dieses Papierstück in die Hand nehmen.

Großmutter mochte es nicht, sich an die Kriegsjahre zu erinnern und von ihrem Ehemann zu erzählen. Aber sie liebte ihn doch. Ansonsten hätte er nicht überlebt, nachdem er sich in einer Fabrik mit einem ganzen Eimer flüssigen Roheisens übergossen hatte. Nach solch einem schweren Unglück musste er einfach sterben. Aber Großmutter hat ihn wieder aufgepäppelt.

Meine Großeltern Akilina Michailowna Nalimowa und Jewstignej Akimowitsch Iljinych heirateten im Jahr 1919 als Sechzehnjährige (genauer gesagt, sie ließen sich trauen). Das war keine "Notehe", wie man jetzt sagt. Dieser Ehe lagen eine große Liebe und das gesunde Kalkül von zwei altgläubigen Bauernfamilien aus der Region Altai zu Grunde.

Manchmal holte die Großmutter ein Stück roter Seide aus ihrer Truhe und betrachtete es lange. Das war alles, was von ihrem Traukleid und von ihrem alten Leben übrig geblieben war, dessen Teil Segnej war (so nannte sie ihren Mann).

Nach dem sowjetischen Gesetz wurden sie offiziell erst 1923, während der ersten Volkszählung, als Mann und Frau anerkannt. "Sie (die Volkszähler) kamen zu den Nalimows, die sagten, ein Familienmitglied sei umgezogen. Dann kamen sie zu den Iljinychs: Bei uns ist jemand dazugekommen", erinnerte sich die Großmutter an diese "Registrierung" ihrer Ehe.

Kartoffeln zum ersten, zweiten und zum dritten Gang

Die Großmutter sagte mir, dass mein Bruder und ihr älterer Enkel dem Opa Segnej sehr ähnlich ist. Das stimmt, wenn man Bilder vergleicht. Das ist vielleicht alles, was ich von meinem Großvater weiß. Deshalb bedeutet der Krieg für mich in erster Linie Säcke mit Kartoffeln aus dem Garten meiner Großmutter, mit denen sie sich selber und ihre zwei Söhne im Alter von drei und sechs Jahren ernährte. Kartoffeln wurden zum ersten und zum zweiten Gang gegessen. Zum dritten Gang wurden Kartoffelkuchen mit Kartoffelfüllung serviert. Unter den Kriegsbedingungen konnte man in Sibirien durchaus satt leben.

Vor sechs Jahren, als mein Bruder in die Vereinigten Staaten umsiedelte, erzählte der Vater beim Abschiedsessen nach ein paar Gläschen Wodka eine Geschichte, an die er allem Anschein nach selber nicht sonderlich glaubte. Vor vielen Jahren habe sich die Großmutter gegenüber ihrem Sohn verplappert, dass die Nachbarn ihr im Jahr 1946 einen Zettel übergeben hatten, der an der Eisenbahn unweit unseres Städtchens gefunden worden war. In diesem Brief teilte mein Großvater seiner Frau mit, dass er von den Faschisten gefangengenommen worden war. Darauf sei er von den sowjetischen Truppen befreit worden. Jetzt würden er und noch ein ganzer Zug früherer Gefangener in ein Lager nach Osten transportiert. Er teilte nicht mit, wohin, weil er das höchstwahrscheinlich nicht wusste.

Die Geschichte wurde von Jelena Issaikina aus Moskau eingesandt





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